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Was bedeutet lebenslanges Lernen wirklich?

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Was bedeutet lebenslanges Lernen, wenn uns Computer immer überlegener sind? Ein Blick in den neuen Dreiklang des Lernens, zu dem auch professionelles Verlernen gehört.

„Die Analphabeten der Zukunft sind nicht die Personen, die nicht lesen können. Es sind die, die nicht wissen, wie sie lernen, verlernen und erneut lernen können.“

Fünfzig Jahre nach dieser berühmten Aussage Alvin Tofflers ist der Begriff des „Lebenslangen Lernens“ zwar in aller Munde, aber wir verstehen darunter das gleiche wie eh und je: das Anhäufen von Wissen. In Zeiten des rapiden Wandels müssen wir diese Definition dringend erweitern, zu einem Dreiklang aus:

  1. Lernen
  2. Verlernen
  3. Erneutem Lernen.

Was bedeutet dieser Dreiklang konkret? Die Antwort darauf könnte deine Sicht aufs Lernen grundlegend verändern.

1) Lernen

Wer heute nach dem gleichen System lernt wie früher, hat ein Problem. Computer speichern schon seit langem Informationen viel schneller und präziser als Menschen, und durch die KI-Revolutionen können sie auch alltägliche Denkaufgaben spielend übernehmen. Uns Menschen bleibt die Aufgabe, neue Antworten auf neue Probleme zu finden.

Wie erreicht man das? Nicht indem man sich in allem genau auskennt – das ist in unserer heutigen Wissensgesellschaft schlicht unmöglich. Auch ein oberflächliches Wissen zu allem und jedem bringt uns nicht weiter. Vielleicht hast du auch diesen einen Bekannten, der immer die aktuelle Nachrichtenlage kennt, alle populären TED Talks gesehen hat und sich über jedes Thema unterhalten kann. KI macht das Gleiche, nur schneller und systematischer – dieses Rennen kann man nicht gewinnen.

Die wahre Superkraft unserer Spezies ist deswegen Interdisziplinäres Denken. Menschen mit dieser Fähigkeit suchen sich eine Handvoll unterschiedlicher Themen aus und bleiben ihnen über Jahre treu. Genau wie ein Schach-Großmeister nicht mehr einzelne Figuren, sondern typische Konstellationen sieht, können solche Experten Muster erkennen, die anderen verborgen bleiben – und das in Bereichen, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben.

Schulen bereiten uns auf diese Art des Lernens nicht gut vor. Besonders die Corona-Zeit hat einen Trend verstärkt, der nur auf den ersten Blick harmlos ist: Schulischer Lernstoff wird noch besser vorsortiert und aufbereitet. Das Wissen wird auf diese Art möglichst effizient und mühelos in die Gehirne der Schüler gepresst, aber auf neue Ideen wird so niemand kommen. Genau das ist jedoch das neue Ziel des Lernens.

2) Verlernen

Eine Fähigkeit, die der Mensch im Laufe der letzten Jahrhunderte eher selten benötigte, war das Verlernen. Ein Schmied des 19. Jahrhunderts sah seine Fähigkeiten durch die Industrialisierung zwar entwertet, aber die erlernten Techniken blieben grundsätzlich korrekt. Buchhalter arbeiteten heute nicht mehr mit Papiertabellen, doch das Prinzip der doppelten Buchführung hat sich seit dem 15. Jahrhundert kaum verändert.

Es war lange eine beruhigende Gewissheit, dass man altes Wissen im Zweifel gut gebrauchen kann, doch diese Gewissheit ist inzwischen äußerst trügerisch. Häufig ist das genaue Gegenteil der Fall: wir müssen uns mühsam erarbeitete Kenntnisse und Fähigkeiten bewusst abtrainieren. Webdesigner mussten in den 90ern viele Paradigmen verwerfen, die im Design von gedruckten Medien gelten. Später mussten sie regelmäßig „Erfolgsrezepte“ des Webdesigns verlernen, weil diese neuerdings zu Abstrafungen im Google-Ranking führten oder weil sich Standards bei der Benutzerführung grundlegend geändert hatten. Programmierer müssen heute neu erlernen, was ein Computer eigentlich tut, weil KI-Modelle vollkommen anders funktionieren als klassische Datenbanken und Softwarecode.

Veraltetes Wissen ist nicht nur nutzlos, es ist kontraproduktiv. Deswegen müssen wir es ganz bewusst verwerfen und uns der neuen Situation anpassen. Verlernen ist mehr als Vergessen.

Zum Lebenlangen Lernen gehört mehr, als nur Wissen aufzuhäufen

3) Relearning

Die Zukunft ist unbekannt, aber ihre Baustoffe sind die gleichen wie eh und je. Gerade wenn alles im Wandel ist, hilft deswegen – so paradox das wirken mag – ein Blick in die Vergangenheit.

In meinen Recherchen zur Geschichte der Industrialisierung entdecke ich immer wieder verblüffende Ähnlichkeiten zu aktuellen Trends. Das Kanalfieber des 19. Jahrhunderts hatte viele Parallelen zum KI-Hype, die Entschlüsselung der Hieroglyphen ist ein Vorbild für Start-Up-Gründer, die Vernetzung im Deutschen Kaiserreich führte zu Effekten, wie wir sie heute in Social Media beobachten können.

Geschichtsbücher für neue Ideen

Die Geschichte wird sich natürlich niemals exakt wiederholen. Trotzdem können wir aus historischen Zyklen und Trends wichtige Erkenntnisse ableiten, denn wir reden immer noch über die Geschichte des Homo Sapiens. In Ländern wie Frankreich und den USA sind Historiker deswegen in öffentlichen Debatten präsent, sie unterstützen Regierungen, Think-Tanks und große Technologieunternehmen bei strategischen Entscheidungen. Hierzulande beschränkt sich ihre öffentliche Stimme traditionell auf die akademische Geschichtswissenschaft. Und wenn sich ein deutscher Historiker dann doch einmal zu Wort meldet, dann eher als „Mahner“ denn als Ideengeber.

Was bedeutet das Konzept des „Relearnings“ ganz praktisch? Beschränke deine Neugierde nicht nur auf Themen, die gerade aktuell sind. Populärwissenschaftliche Sachbücher und Biografien sind ein sehr zugänglicher – und unterhaltsamer! – Weg, um in die Geschichte einzutauchen. Du wirst dadurch auf neue Ideen kommen, versprochen.

Das neue Lernen

Lebenslanges Lernen bedeutet viel mehr, als jahrzehntelang neues Wissen anzuhäufen. Es bedeutet zuallererst, dass wir flexibel bleiben. Dafür benötigen wir drei Fähigkeiten:

  1. Die Bereitschaft, uns tief in einzelne Themen einzuarbeiten
  2. Den Mut, veraltetes Wissen loszulassen
  3. Die Neugierde, Muster in der Geschichte zu erkennen

Wer diese drei Fähigkeiten kultiviert, wird in einer Welt des ständigen Wandels erfolgreich sein.


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