Wie dein Unternehmen wirklich innovativer wird

Eigentlich müsste der „Innovationsdruck“ in deutschen Unternehmen so groß wie nie sein. Die durchschnittliche Lebensdauer einer Firma sinkt von Jahr zu Jahr, etablierte Unternehmen gehen insolvent, gleichzeitig fühlen sich Geschäftsführer bei Trends wie KI gnadenlos abgehängt 1.

Und doch höre ich unter meinen Newsletter-Abonnenten eine Rückmeldung besonders häufig: „Ich bin gefühlt der einzige, der Innovation vorantreiben möchte.“ Geht es dir ähnlich? Und das vielleicht sogar, obwohl dein Unternehmen in innovative Projekte und neue Arbeitsweisen investiert?

Der Mythos von der „guten Idee“

Unternehmen, die sich Innovation ins Jahresmotto geschrieben haben, starten häufig mit der Suche nach der „richtigen Idee“. Sie veranstalten Design-Thinking-Workshops und Hackathons, füllen Wände um Wände mit Stickies. Dahinter steckt die Annahme, dass Innovation auf genialen Ideen basiert. Ideen, die wie aus der Zukunft zu uns gereist kommen und mit einem Schlag alles infrage stellen.

Die Praxis sieht etwas anders aus. Erfolgreiche Innovatoren schauen sich das an, was funktioniert – und gehen genau einen Schritt weiter.

Das klingt natürlich nicht besonders spannend. Eine aktuelle Studie lamentiert zum Beispiel, dass der Anteil bahnbrechender Erkenntnisse in der Wissenschaft immer mehr sinkt, zugunsten von Entdeckungen, die Bestehendes nur konsolidieren. Aber was gehört zu diesen scheinbar „langweiligen“ Durchbrüchen? Laut der Studie zum Beispiel die Entwicklung wirksamer Corona-Impfstoffe! Offensichtlich muss wirksame Innovation nicht immer auf neuen Ideen basieren.

Der Autor Steven Johnson empfiehlt: „Innovative Umgebungen unterstützen ihre Bewohner darin, das Nächstmögliche zu erkunden.“2 Wie kann man so eine Umgebung schaffen?

1) Genau untersuchen, was funktioniert

Dank der Digitalisierung können wir alles Mögliche mit Daten validieren – ein Luxus, der dazu geführt hat, dass wir die Macht einzelner Geschichten unterschätzen. Daten können uns bestimmte Fragen beantworten, „aber Anekdoten werfen die Fragen auf, die man überhaupt stellen sollte“.3

Beispiele für solche Anekdoten:

  • überraschende Reaktionen von Kunden
  • Projekte, die unerwartet erfolgreich sind
  • Berichte von „seltsamen“ Nischen unter eurer Kundschaft

Und dann sind da noch die Workarounds, denen wir täglich begegnen. Workarounds sind der Beweis dafür, dass ein echtes Problem existiert – sonst würde sich niemand die Mühe machen, es zu umgehen (mehr dazu hier).

Anekdoten und Geschichten sollte man nicht vorschnell als „nicht repräsentativ“ abtun. Selbstverständlich sind sie nicht repräsentativ. Doch wenn man genauer hinschaut – also Daten erhebt – können sie der Startpunkt für sehr innovative Projekte sein.

2) Dinge ausprobieren

Der Kern der Arbeitskultur von Spotify lautet: „Menschen sind von Natur aus Innovatoren. Steh ihnen nicht im Weg und lass sie Dinge ausprobieren.“

Vielleicht wendest du ein, dass so ein Statement für die Mitarbeiter von Spotify gelten mag, allerdings nur für wenige deiner Bürokollegen. Aber ist das wirklich so? Oder liegt es vielleicht an dem, was die Unternehmensberaterin Aino Bender-Minegishi zu unserer Arbeitswelt notiert: „Wir unterscheiden zwischen Ausführen (operative Tätigkeiten) und Gestalten (Verbessern eines Zustandes), wobei wir Letzteres nur einer bestimmten Gruppe zuzutrauen scheinen. [Die Mitarbeiter] leben ihre Kreativität nach Feierabend aus, beim »Häuslebauen« oder im Verein."4 In Japan gilt solch ein ungenutztes Mitarbeiterpotential als eine der großen Verschwendungsarten und es ist die Aufgabe von Führungskräften, diese Verschwendung zu vermeiden 5.

Nun schafft man eine Kultur des Experimentieren nicht, indem man sie einfach ausruft – vor allen Dingen, wenn dein Unternehmen bis jetzt so tickte, wie Bender-Minegishi es beschrieb. Die Flucht nach vorne kann sein, der Belegschaft ganz offiziell den Auftrag zu erteilen, eine bestimmte Technologie oder ein neues Werkzeug zu nutzen. Wofür nutzen? Das sollen die Mitarbeiter selbst herauskriegen!

Das klingt im ersten Moment nach einer Montessori-Übung, ist aber der typische Weg, wie Innovation entsteht: von der Lösung zum Problem. Erst wird eine Technologie erfunden oder neu zusammengesteckt, anschließend die passenden Probleme gesucht. Es fördert also innovative Ideen, wenn man sich neuen Technologien vorbehaltlos und neugierig nähert – und sie einfach mal ausprobiert.

Im Moment wäre es beispielsweise mehr als angezeigt, wenn eine Geschäftsführung alle Mitarbeiter explizit ermutigt, ein KI-Tool wie ChatGPT auszuprobieren. Stattdessen wissen 40 % der deutschen Geschäftsführer nicht, ob ChatGPT in ihrem Unternehmen genutzt wird 1.

3) Veränderungen im Blick behalten

Das „Nächstmögliche“ ist nicht statisch, es verändert sich ständig. Ein großer Treiber dieser Veränderung sind Makrotrends, die so offensichtlich sind, dass wir sie gar nicht mehr als solche wahrnehmen. Für die nächsten Jahrzehnte sind es vor allem zwei:

  1. die Klimakrise
  2. die zunehmende Automatisierung

Jedes Unternehmen wird von diesen Trends betroffen sein – ja, auch deines – und die Frage ist nur, in welcher Form (mehr dazu hier). Neben diesen großen Veränderungen gibt es solche, die speziell für dein Unternehmen relevant sind:

  • Technologien, die neuerdings für die Breite verfügbar sind
  • Zielgruppen, die wachsen
  • Gesetze, die die Ausgangslage verändern

Oft ist es die Mischung aus diesen drei Faktoren (Verfügbarkeit, Markt, Regulierung), die eine Innovation ermöglicht.

Diese Trends einfach nur zu sehen, reicht natürlich nicht aus. Kodak, das Textbuch-Beispiel für Disruption, hat die digitale Fotografie nicht verpasst, wie so oft behauptet wird. Kodak hat die Digitalkamera erfunden. Später hat Kodak eine mobile Fotosharing-Plattform gegründet, zu einem Zeitpunkt, als die Instagram-Gründer noch in den Kindergarten gingen. Das Unternehmen hat keine Trends verpasst, sondern versäumt, den nächstmöglichen Schritt zu gehen.

Der nächste Schritt

Innovation ist ein großes Wort. Die meisten verbinden es mit bahnbrechenden, neuen Ideen, die möglichst alles infrage stellen – und ja, so eine Art von Innovation gibt es. Es ist aber beileibe nicht die einzige, die ein Unternehmen verfolgen sollte. Und man erreicht sie weder durch Willenskraft noch durch einen Blumenstrauß hipper Arbeitsweisen. Innovation entsteht dort, wo Mitarbeiter den nächstmöglichen Schritt gehen können. Was ist der nächste Schritt für dein Unternehmen?