Marcel Mellor

SF-Autor und Digitalstratege


Leben in der großen Beschleunigung

Meine jüngste Tochter ist vier Jahre alt. Diesen Satz müsste ich jetzt klassischerweise fortführen mit "Die Zeit verging wie nichts" oder auch: "An Kindern merkt man, wie die Zeit verrinnt." Stimmt zwar alles. Aber wenn ich über die letzten vier Jahre nachdenke, dann wird mir vor allem klar, dass die Zeit schneller vergeht. Für uns alle.

Da sind einerseits die einschneidenden Ereignisse, die frühere Generation genau einmal zu Lebzeiten mitgemacht haben, wenn überhaupt. Eine globale Pandemie. Ein Krieg in Europa. Naturkatastrophen vor der eigenen Haustür.

Gleichzeitig erleben wir Veränderungen, die sich Jahrzehnte lang angekündigt haben und jetzt auf einmal da sind. Unmittelbar und ohne Rückwärtsgang, wie die Abfahrt auf einer Achterbahn.

Zuallererst: der Klimawandel. Natürlich wurde auch vorher darüber gesprochen, aber im Jahr 2018 brachten heiße Extremtemperaturen und Gretas erster Schulstreik den Klimawandel auf die Titelseiten – und diesmal ist er dort geblieben. Seitdem hat die globale Erwärmung Hunderttausende auf die Straße gebracht und Regierungswahlen beeinflusst, sie hat neue Unternehmen, Romane und Wurstsorten geschaffen. Noch 2017, kurz vor der Geburt meiner Tochter, wäre das undenkbar gewesen.

Die Covid-Pandemie hat gleich ein Dutzend dieser epochalen Veränderungen angestoßen. Das Home-Office, früher eine Ausnahme, ist jetzt Mainstream. Das wird unsere Innenstädte, Berufe und Ausbildung dauerhaft verändern. Diese Veränderung, zusammen mit der Erfahrung der Lockdowns, ist wiederum dafür verantwortlich, dass wir jetzt zum ersten Mal die Idee von "autofreundlichen Städten" hinterfragen. Also so richtig. An Mobilität und Verkehr hängt unsere Energiepolitik. Die hat wiederum durch den Ukraine-Krieg einen neuen Twist bekommen.

All diese Veränderungen sind verwoben, beschleunigen sich gegenseitig, und bei so ziemlich jeder Frage landet man am Ende bei der größten und kritischsten von allen: wie können wir jetzt die globale Erwärmung stoppen?

Das alles in vier Jahren. Nicht mehr.

Es spricht nichts dafür, dass die nächsten vier Jahre langsamer werden. Auf uns nicht wartet nicht “die große Pause”, sondern die große Beschleunigung. Heutige Ereignisse werden Folge-Ereignisse und Folge-Folge-Ereignisse nach sich ziehen. Genau wie in den letzten Jahren werden wir ständig neu definieren müssen, was “Normalität” bedeutet.

Gemütlich ist das nicht. Mir wäre gerade mehr nach Bummelbahn statt Beschleunigung, erst mal zumindest. Aber weil es so nicht laufen wird, sollten wir uns auf schnellere Zeiten einstellen.

Hier kommen meine drei Tipps für die große Beschleunigung. In den letzten Jahren haben sie mir gute Dienste geleistet.

1) Nicht künstlich beschleunigen

Medien machen die Dinge immer eine Stufe schnelllebiger als sie ohnehin schon sind. Im Gegenzug nutze ich sie immer eine Stufe langsamer, als sie das von mir wollen.

Wenn also alle Welt die Liveticker und Eilmeldungen verfolgt, dann reicht mir die Tagesschau. Im Normalfall ist mir eine Wochenzeitung lieber als tägliche Nachrichten. Und generell versuche ich mehr Bücher als Nachrichten zu lesen.

Ich weiß, dass sich jetzt einige die Augen reiben. Bücher, Zeitung, Tagesschau? Warum nicht noch die Apotheken-Umschau?! Ich verstehe diese Reaktion. Aber man muss kein Rentner sein, um künstliche Beschleunigung und Doomscrolling abzulehnen. Ach, und natürlich gibt es die genannten Formate auch alle digital.

2) Nicht jedem Trend trauen

Neben den echten, großen Veränderungen gibt es solche, die nur so scheinen. Über sie wird viel gesprochen – aber nur, weil viel über sie gesprochen wird. Das ist die sogannte “Verfügbarkeitskaskade”. Sie beginnt fast immer mit einem einzelnen Ereignis, die Medien berichten darüber, das erzeugt Reaktionen und über die wird wieder berichtet. Manchmal ist das dann wirklich der Start einer großen Veränderung. Oft nicht.

Über das Web3 und die Blockchain wird zum Beispiel gerade sehr viel gesprochen – aber das liegt nicht daran, dass es gerade Durchbrüche hagelt. Ob ich mich mit solchen Themen beschäftige, mit diskutiere, mich emotional drauf einlasse, das überlege ich mir dreimal. Lieber versuche ich wenige Themen, die mir wichtig sind, richtig zu verstehen.

3) Langfristig planen

Es klingt paradox, aber in Zeiten der großen Beschleunigung sollten wir langfristig planen. Niemals war es fahrlässiger, bei seiner Karriere auf aktuelle Trends zu bauen. Heißt: allgemeine Fähigkeiten trainieren statt "Hacks 2022". Ein persönliches Netzwerk aufbauen statt Reichweite sammeln in Hype-App Nr 7. Hypes sagen viel über die Gegenwart aus, aber planen sollte man nicht mit ihnen, erst recht nicht heutzutage.

Die Zukunft

Wir wissen nur eines ganz sicher über die Zukunft: wenn wir sie jetzt schon kennen würden, dann würde sie wie Science Fiction klingen. Keiner von uns hätte 2018 geglaubt, was die nächsten 4 Jahre bringen würden.

Die Dinge werden sich weiter beschleunigen und wir sollten uns darauf einstellen. Und dann ... dann kann das ganze sogar ziemlich viel Spaß machen.