Marcel Mellor

SF-Autor und Digitalstratege

Wir brauchen mehr Science Fiction

In Buchhandlungen schaue ich gerne als erstes in der Science-Fiction-Abteilung vorbei. Sie besteht oft aus einem einzelnen Regal in der hintersten Ecke, meist neben dem großen Bruder “Fantasy”.

In diesem Regal steht einerseits das, was man erwartet: Technik, Weltraumschlachten, Zukunftsromane. Der Weltraum ist weniger präsent als in Filmen und Serien, wo er aufgrund der spektakulären Bilder beliebt ist. Und es gibt viele SF-Bücher ohne jeden Technikfokus (mein Roman Das Register gehört dazu).

Aber vor allen Dingen die Sache mit “der Zukunft” würden viele bekannte Science Fiction Autoren verneinen. Schon allein weil es die Zukunft nicht gibt. Autoren können nur eine mögliche Zukunft beschrieben. Dass ihre Version auch eintrifft, ist nicht Teil ihrer Jobbeschreibung, denn sie sind Geschichtenerzähler, keine Zukunftsforscher.

Braucht nun jemand die Geschichten aus dem hinteren Regal? Stände die Menschheit dumm da, wenn morgen alle Buchhändler ihr Science-Fiction-Regal einmotten und durch Lebensratgeber ersetzen?

Ich glaube ja. Science Fiction hat uns in den letzten zweihundert Jahren viel gutes gebracht. Man sieht es nur nicht sofort.

Science Fiction begeistert für die Wissenschaft

Liest man die Biographen von Wissenschaftlern, Erfindern und Ingenieuren, entdeckt man ein auffälliges Muster: sie kamen durch Science Fiction zu ihrem Beruf. Carl Sagan, der Initiator des SETI-Instituts war ein begeisterter Leser der Mars-Romane von Edgar Rice Burrough. Jules Verne hat eine ganze Generation von Wissenschaftlern inspiriert – darunter U-Boot-Ingenieure, Flugpioniere und Polarforscher. Edwin Hubble, der Erfinder des gleichnamigen Teleskops, verschlang schon als Kind die Geschichten von Jules Verne. Er studierte dann zunächst Jura (wie Jules Verne übrigens) und gründete eine Kanzlei. Aber die Geschichten von der Mondreise ließen ihn nicht los. Nach kurzer Zeit entschied er sich, Astronomie zu studieren.

Heute nimmt Star Trek den Platz von Jules Verne ein. Mae Jemison, die erste Afroamerikanerin im All, fasste durch Star Trek (und Lt. Uhura) den Entschluss, Astronautin zu werden. Die Belegschaften von Boeing, der NASA und vielen Tech-Firmen sind voller “Trekkies” – die übrigens laut manchen Umfragen mehrheitlich weiblich sind. Star Trek präsentiere in den 60ern erstmalig eine Welt, in der Frauen ganz selbstverständlich technische Berufe ausüben. Das inspirierte Mae Jemison und viele spätere Wissenschaftlerinnen.

Was hätten diese Menschen ohne diese Inspiration mit ihrem Leben gemacht? Was, wenn Hubble nicht aufgrund seiner Kindheitsträume die Kanzlei geschlossen hätte und wenn Mae Jemison niemals Star Trek gesehen hätte? Wir ständen schlechter da.

Science Fiction inspiriert

Jules Verne und Star Trek haben noch etwas gemeinsam. Sie haben Erfindungen der kommenden Jahrzehnte vorweggenommen, manchmal bis ins Detail. Die Treffer-Quote von Star Trek ist besonders hoch: bei Kirk und Picard sahen wir schon Mobiltelefone und wandgroße Fernsehbildschirme, sprechende GPS-Geräte und Körperscanner, außerdem Spracherkennung, ferngesteuerte Kampfflugzeuge, Operationsroboter … und natürlich das Tablet.

Aber haben die Star-Trek-Macher das iPad wirklich vorhergesehen, inklusive der abgerundeten Ecken? Nicht ganz. Science Fiction beeinflusst Erfindungen viel öfter, als sie vorherzusagen. Auch bei Apple sitzen Trekkies. Auch sie wurden von der Serie ihrer Kindheit beeinflusst, als sie das iPad konzipierten. Keiner weiß also, wie das iPad ohne die Star-Trek-Vorlage aussehen würde.

Science Fiction warnt

Star Trek beschreibt eine wünschenswerte Zukunft. Viele heutige Science-Fiction-Geschichten machen das Gegenteil: sie beschreiben eine Welt, wie wir sie hoffentlich nie erleben werden. Solche Dystopien machen greifbar, was passieren könnte, wenn sich bestehen Trends fortsetzen und verstärken.

Kein Wunder also, dass viele Artikel über die computergestützte Vorhersage von Verbrechen mit einem Hinweis auf “Minority Report” starten. Oder dass, wenn es um Massenüberwachung geht, schnell von “orwellschen Zuständen” die Rede ist.

Dystopien sagen mehr über die Gegenwart aus als über die Zukunft. Wer sich von ihnen angegriffen fühlt, klagt sich an. So war in der DDR der Besitz und besonders die Weitergabe des Romans “1984”, strengstens verboten und konnte sogar Gefängnisstrafen nach sich ziehen. “Seltsamerweise”, bemerkt der Historiker Stefan Wolle dazu, “haben die ideologischen Aufpasser der DDR die Beschreibungen und Begrifflichkeiten Orwells ganz selbstverständlich auf ihr System bezogen und sie dadurch in gewisser Weise bestätigt.”1

Dystopien sind wichtig. Sie zeigen uns Welten, die wir um jeden Preis vermeiden sollte.

Ich persönlich glaube trotzdem, dass es inzwischen zu viele Dystopien gibt. “Wann träumen wir wieder von der Zukunft?”, habe ich schon vor Jahren gefragt, denn düstere Prognosen inspirieren niemanden, Dinge zu erfinden oder nach den Sternen zu greifen. Sie führen negative Aspekte der Gegenwart weiter und treiben sie ins Extrem. Die SF-Autorin Ursula Le Guin sagte einmal: “Wenn man etwas bis zum logischen Extrem treibt, wird so ziemlich alles deprimierend. Wenn nicht krebsbildend.” 2

Einige Autoren wenden sich deswegen wieder optimistischeren Genres zu, zum Beispiel dem Solar Punk. Das ist gut. Wir brauchen Geschichten von der Zukunft – positive wie negative.

Wir brauchen Science Fiction. Vielleicht sogar mehr als zur Zeiten Jules Vernes.


Verwandte Artikel


Bildnachweis: Shiny Things., Supertree Grove, Gardens by the Bay, Singapore - 20120712-02, Ausschnitt, CC BY 2.0


  1. Stefan Wolle: Die heile Welt der Diktatur: Alltag und Herrschaft in der DDR 1971-1989 ↩︎

  2. Ursula K. Le Guin: Die linke Hand der Dunkelheit, Einleitung ↩︎