Ein Science-Fiction-Autor entwirft glaubhafte Visionen der nahen Zukunft. Natürlich kann er dabei falsch liegen. Doch was, wenn ihn die Realität schlichtweg überholt?

Als Science Fiction bezeichnen wir Dinge, die eines Tages wirklich geschehen könnten, jetzt aber noch nicht möglich sind - so hat es Margaret Atwood, Autorin von The Handmaid’s Tale, einmal zusammengefasst1. Raumschiffe und geklonte Dinosaurier sind also erlaubt, Zauberer und Drachen nicht. Außerirdische und Zeitreisen? Ansichtssache.

Wie kommen aber SciFi-Autoren zu einer glaubhaften Version der Zukunft? Eine andere Legende des Genres, Ursula K Le Gui, sagte einmal, dass Science Fiction “aktuelle Trends und Ereignisse in eine nahe Zukunft führt, die halb Voraussage, halb Satire ist”.

Klingt einfach, oder? Das dachte ich auch.

Mein Buch “Das Register” spielt zwar in der Vergangenheit, in einem alternativen Jahr 2003. Aber diese Welt ist eine Mischung aus dem Jahr 2003, das wir kennen (inklusive Friendster und MySpace) und Technologien, die aus heutiger Sicht Science Fiction sind.

Nein, falsch. Sie schienen Science Fiction zu sein. Und zwar aus der Sicht meines vier Jahre jüngeren Ichs, das 2014 die Manuskriptarbeit begann.

Heute ist die Welt eine andere.

Autonomes Fahren

Selbstfahrende Autos sind kein brandneues Konzept. Schon 2014 forschte jeder größere Autobauer an dem Thema herum, Google schickte seinen umgebauten Toyota Prius seit Jahren übers Testgelände. Und genau wie heute hat Autonomes Fahren wenig Auswirkung auf unseren Alltag. Oder richtiger: Gar keinen.

Doch etwas hat sich in vier Jahren verändert:

Das Interesse am Thema ist explodiert. Warum?

Gute Frage. Es hat nicht den Durchbruch, den Hersteller oder auch den Unfall gegeben. Und kurz vor Serienreife stehen selbstfahrende Autos erst recht nicht.

Fest steht aber: Weil inzwischen jeder vom Thema gelesen und gehört hat, haut das Konzept als solches niemanden mehr vom Hocker. Als ich die Register-Welt entwarf, schienen mir selbstfahrende Autos eine spannende Ergänzung sein. Doch heute ist autonomes Fahren in einem SciFi-Roman genauso selbstverständlich wie 3D-Hologramme. Jeder meiner Leser weiß, dass selbstfahrende Autos kommen werden, nur nicht wann.

Das ist erstaunlich, aber noch harmlos im Vergleich zum zweiten Beispiel.

Persönliche Assistenten

David Manoah, Protagonist in “Das Register” hat eine virtuelle Assistentin namens Leah. Sie hilft in jeder Lebenslage, ist Ansprechpartner für Termine und Recherche, und wirkt manchmal wie ein echter Mensch.

Das schien 2014 tatsächlich Science Fiction. Siri war zwar seit drei Jahren im Apple-Universum verbaut, aber sie war genauso unbenutzbar wie auch heute. Leah hingegen ist wie “Siri on Steroids” - sie hört David immer zu und reagiert sofort, sie steckt in jedem Lautsprecher seiner Wohnung und liest David im Auto die Nachrichten vor. Kommt dir bekannt vor?

Leah gibt es nicht, aber dafür Alexa.

Ein Dreivierteljahr nachdem ich das Manuskript begonnen hatte, holte Amazon seine Alexa aus dem Hut. Google rückte mit dem Google Assistant und Google Home nach. Heute gibt es 100 Millionen Smart Speaker auf der Welt. Alexa ist ein Standard-Zubehör, meine Eltern haben auch eine.

Ich kann zwar mit Fug und Recht sagen, das Leah immer noch wesentlich besser funktioniert als Alexa. Aber sie könnte ihre Tochter sein - nicht ihre Ur-ur-ur-Enkelin.

Der große Trugschluss

Sind diese beiden Entwicklungen für “Das Register” eine Katastrophe gewesen? Zum Glück nicht. Beide Technologien spielen keine große Rolle im Roman und werden vor allem durch ihre Register-Anbindung interessant - sie können also mit der Zukunft kommunizieren. Das baut mir Amazon nicht so schnell nach.

Doch eines ist mir klar geworden: Wer glaubt zu wissen, wie die nächste Zukunft ausschaut, irrt sich. Das liegt an mehreren Gründen.

Zunächst einmal passieren die Dinge eben oftmals schneller als gedacht - viel schneller. Etwas, das 2014 wie Science Fiction wirkte, ist jetzt für meine Eltern und mich Alltag.

Aber Fortschritt ist nicht nur rasant, er ist auch nicht unbedingt logisch. Wäre ein alternatives Jahr 2018 ohne Alexa denkbar? Natürlich! Virtuelle Assistenten waren nicht der nächste logische Schritt. Genau wie es niemals “logisch” war, dass Zivilisationen an einem bestimmten Punkt das Rad erfanden. Viele Hochkulturen kamen Tausende von Jahren ganz ohne aus.

Hätten wir als Menschheit vor wenigen Jahren entschieden, dass die pünktliche Erfindung des Hoverboards unsere wichtigste Aufgabe ist - dann hätten wir eben das Hoverboard erfunden.

Warum Technologien einen Sprung machen, ist meist mysteriöser als es scheint. Wie du gesehen hast, wächst das Thema “Autonomes Fahren” ganz organisch vor sich hin - öffentliches Interesse und wahre Durchbrüche befruchten sich gegenseitig. Virtuelle Assistenten hingegen sind nur deswegen so erfolgreich, weil zwei der mächtigsten Konzerne der Welt sie mit Volldampf in unsere Wohnzimmer schieben (Marktbeobachter sind sich einig, dass Amazon mit jedem verkauften Gerät Verlust macht). Wenn also in dreißig Jahren keine Mikrowelle mehr Knöpfe hat - ist das dann Amazons Verdienst? Oder Schuld?

Keine Ahnung.

Wenn man ehrlich ist, sind nicht nur unsere Prognosen schlecht. Auch unsere Erklärungen sind es. Ich erteile hiermit Lois, einer weiteren Figur aus “Das Register” das Wort:

“Das ist die große Verwechslung, auf die wir als Menschen ständig hineinfallen. Wir untersuchen den Lauf der Dinge und sagen dann: Klar, so musste es ja kommen. Aber das ist eine Illusion. Wir haben uns bloß eine Geschichte ausgedacht, die auf dem wenigen beruht, was wir wissen. Und je weniger wir wissen, desto logischer werden unsere Geschichten.”

Science Fiction beschreibt eine mögliche Zukunft - und zwar aus Sicht der Gegenwart. Damit, so glaubt der Autor Cory Doctorow, “beeinflusst Science-Fiction sogar die Zukunft. Schriftsteller, die Gefangene ihrer Ängste und Hoffnungen sind, schaffen futuristische Parabeln, die diese Emotionen widerspiegeln.”2

Die Zukunft zu beeinflussen statt sie prophezeien? Das gefällt mir.

Denn dann ist es okay, auch mal falsch zu liegen.

  1. "In Other Worlds" von Margaret Atwood

  2. Technology Review, September 2018, S. 77