Das gab’s nie wieder: Innerhalb von drei Jahren machte Hollywood den Tonfilm zum neuen Standard und erfand dabei das Filmemachen neu. Es ging um mehr, als bloß ein paar Mikrofone zu besorgen. Für ein paar Jahre raubten Sound Nerds und Stimmpädagogen jedem in der Branche den Verstand.

Jeder kennt den MGM-Löwen. Du weißt schon, der hier:

Auf die Idee “Löwe lugt durch Banderole” kam MGM schon 1924. Schau mal, ob dir ein Unterschied auffällt ...

Genau. Ein irritierter Löwe guckt stumm in die Kamera. Irgendwie witzlos, aber mehr war nicht drin. Bis 1928 waren alle MGM-Filme stumm.

Doch 1928, ein knappes Jahr nach The Jazz Singer, gaben sich auch Louis B. Mayer und Irving Thalberg, die beiden Studiobosse von MGM, geschlagen. Als letztes der großen Studios gab MGM eine “Sound Stage” in Auftrag. Zu diesem Zeitpunkt glaubten Mayer und Thalberg wie viele andere, dass die Sache mit dem Tonfilm nicht weiter schwer sein konnte. Hauptsache es gab Dialog und dieser war einigermaßen synchron mit den Lippenbewegungen.

Doch der Tonfilm war ein gefährliches Biest. Damit der MGM-Löwe brüllte und die Schauspieler sprachen, mussten Hunderttausende Menschen ihren Beruf aufgeben oder neu erfinden, manchmal innerhalb von Tagen.

Hast du Lust, mit mir in das Tollhaus der Tonfilmrevolution einzutauchen? Es wird um Schauspieler, Kameramänner und Stimmpädagogen gehen - aber wir fangen an mit den Männern, die bei dieser Gelegenheit meist übersehen werden. Den Filmvorführern.

Ein “höllenkompliziertes Stück Schrott”

Einen Tonfilms unfallfrei in den Kinosaal zu bringen, war nicht kompliziert. Es war unmöglich.

Das System hinter dem frühen Tonfilm war Vitaphone, hergestellt von Western Electric Inc. aus New York. Western Electric wusste, dass bei seinem Produkt vor allen Dingen eines schief lief: Die Bedienung. Louis Reynolds, Manager bei Vitaphone setzte schon beim Handbuch auf Psychologie: “Wir müssen den Eindruck erwecken, dass wir von einem Kollegen zum anderen reden. Wir suggerieren Vertrauen in die Maschine. Lassen sie als ein ganz simples Gerät erscheinen. Nicht als das höllenkomplizierte Stück Schrott, nach dem sie aussieht.”

Auch wenn es gefährlich aussah, in der Theorie war Vitaphone einfach zu bedienen. Der Projektor war ein üblicher, motorisierter Stummfilmprojektor, mechanisch verbunden mit einem Plattenspieler. Die Instruktionen für den Protektionisten lauteten: Filmspule aufziehen bis das Wort “START” im Bildfenster steht, zugehörige Platte auflegen, die Nadel an einer ebenfalls markierten Stelle platzieren - fertig. Sobald man den Projektor einschaltete, begannen sich Spule und Platte im gleichen Tempo zu drehen. Voila! Mit diesem Marketing Pitch konnte Western Electric die Kinos im Rekordtempo überzeugen.

Das Patent von Vitaphone: “Provide a mechanism, wherein a plurality of records may be moved in synchronism in a SIMPLE manner.” Quelle: https://www.google.com/patents/US1637161

In der Praxis enthielten die Schallplatten-Lieferungen schon sehr bald eine neue Pflichtlektüre: Memos mit Sonderregeln und Ausnahmen. Die sahen dann so aus.

Prod. #423 Margaret McKee - Der Start-Marker ist anstatt bei 0 zwei Frames früher. In anderen Worten, zählen Sie 18 umnummerierte Frames statt 15 von Marke #1 zurück und starten Sie beim 18. Frame.

Prod. #482 The Revelers - Zwischen den Footage Marks 6 und 7 gibt es 16 unnummerierte Frames anstatt 15, bei allen Kopien bis #30. Kopien nach #30 halten sich wieder an das Regelwerk.

Aus unserer Perspektive mag das witzig sein, doch für den Protektionisten hing sein Job daran, dass er keine Fehler machte. War der Film erst einmal “out of sync”, gab es während der Aufführung keinen Weg zurück.

Und selbst wenn die armen Männer alles beachteten, ging wahrscheinlich trotzdem irgendetwas schief. Vor allen Dingen wegen der Sachen mit den vielen Schallplatten ...

Ersoffen in einem Meer von Schallplatten

In den 20ern hatte sich ein stabiles Vertriebssystem gebildet, über das Kinos ihre Filmrollen bekamen. Nun kamen zu den Filmrollen Schallplatten dazu. Viele Schallplatten. So viele Schallplatten, dass ein zusätzliches Vertriebssystem notwendig wurde, nur für die Platten. Der Grund für die Plattenflut war der schnelle Verschleiß. Nach ungefähr zwanzig mal Abspielen musste eine Schallplatte ersetzt werden. Um Kosten zu sparen bespielten die Studios die Platten bald beidseitig. Das bedeutete zwar weniger Platten, aber auch, dass das letzte Stückchen Übersicht (eine Platte = eine Filmrolle) hinfort war.

Und natürlich kam es vor, dass Platten falsch beschriftet waren. Ständig.

Die Protektionisten müssen sich wie Charlie Chaplin am Fließband vorgekommen sein. Gerade noch hatte ihr Job darin bestanden, ein paar Hebel zu drücken und dann Zeitung zu lesen - und plötzlich waren sie gehetzte Feinmachaniker, die ständig kurz vor einem Herzinfarkt standen.

Es gab nur einen Trost. Ihr Job mochte sich verändert haben, aber es gab ihn zumindest noch. Andere Kollegen hatten da weniger Glück gehabt ...

Die Verlierer

Wenn die Verkäufer von Western Electric bei den Kinos vorsprachen, zogen sie zum Schluss ein unwiderstehliches Argument aus dem Hut: Die Kosten für Vitaphone wären beinahe sofort gedeckt. Denn man konnte ja das Hausorchester entlassen.

Lobbyarbeit ohne Erfolg - Musiker sind im Kino nur noch auf der Leinwand zu sehen

Die Musiker waren aufgebracht. Wenn die Techniker ein Kino verkabelten, mussten sie teilweise von Bodyguards geschützt werden. Aber was half es? Natürlich gar nichts.

1929 waren 6.000 Kinos “wired” und gierten nach neuen Tonfilmen aus Hollywood. Keiner hatte eine Ahnung von dem Chaos, das gerade an den Filmsets herrschte.

Ein neues Hollywood

Das Musical “Singing in the Rain” präsentiert den Übergang vom Stumm- zum Tonfilm als witzige Zeit, in der sich hauptsächlich die Schauspieler umgewöhnen mussten. Alles andere scheint in diesem Film fix zu gehen: Die Studios haben Mikrofone und die Regisseure wissen natürlich auch, wie das mit dem Tonfilm so läuft.

Aber so war es nicht. Der Tonfilm ersetzte Hollywood, schuf eine Art Hollywood 2.0. Und zunächst war dieses neue Hollywood ein dysfunktionales, chaotisches Irrenhaus.

Wenn Studiobosse wie L.B. Mayer zum ersten Mal eine Soundstage betraten, müssen sie sich buchstäblich im falschen Film gefühlt haben. Statt der hellen, luftigen Studios, die sie gewohnt waren, lag vor ihnen eine stickige Höhle voller Kabel, Vorhänge und nervöser Gesichter. Während sie noch den Anblick verdauten, hörten sie den Ruf “Lock 'em up” und die Tür einer gläsernen Zelle mitten im Raum schloss sich. Der Typ, der da einsperrt wurde, war der Kameramann.

“Sperr ihn ein”

Die Mikrofone brachten ein neues Erfordernis in die Filmstudios: Stille, Stille und nochmals Stille. Und wenn etwas in den 20ern nicht still war, dann waren es die Kameras. Die pragmatischste Lösung, die den Soundtechnikern einfiel, waren schalldichte, mehrere Tonnen schwere Glaskammern, in denen die Kameramänner schwitzten und keuchten.

Nicht nur schall- sondern auch luftdicht: Die Kamerabox. Quelle: https://www.loc.gov/exhibits/bobhope/mopic.html

Die Soundtechniker konnten noch so verrückte Ideen haben, sie waren die Nerds, auf die jeder hörte. Und die jeder hasste.

“Wir waren Eindringlinge”, sagt Ed Bernds, der als Tontechniker in Hollywood begann. “Ein Haufen junger Emporkömmlinge, die die schöne, über Jahre perfektionierte Kunstform zerstörten1.” Männer wie L. B. Mayer, die es gewohnt waren, allen in Hollywood zu sagen, was sie tun sollten, saßen plötzlich verblüfft in ihren Büros und verstanden die Welt nicht mehr2.

Das freie, bewegliche Filmemachen verwandelte sich in eine Art Menschenschach. Nicht nur die Kamera war jetzt angewurzelt, auch das Mikrofon und der verbundene Verstärker. Der Tontechniker installierte das Mikrofon, versteckte es irgendwie hinter Blumen oder anderer Dekoration und jeder, der im Film gehört werden wollte, musste in die Nähe des Mikrofons gelangen. George Groves, ein Oscar-prämierter Tontechniker, fasste die Arbeitsweise so zusammen: “Der Schauspieler lief zum Mikrophon, nicht andersherum”.

Aber was tun, wenn man nicht im Studio, sondern draußen filmen wollte?

Die Antwort für viele Jahre: Bleiben lassen. Egal wo eine Szene spielte, es musste mit Kamerakabine, Standmikrofon und völliger Stille umgesetzt werden. Die Technik, den Hintergrund auf eine Leinwand zu projizieren wurde jetzt so wichtig wie nie zuvor - vorher war sie meist nur für Special Effects genutzt worden.

Das Stille-Gebot sorgte noch für eine weitere Veränderung und du kennst die Berufsgruppe schon, die auch diesmal verlor: Die Musik am Filmset wurden abgeschafft. Moment, Musik beim Dreh?

Ja, genau. Selbst Filme mit knappen Budget hatten zu Stummfilmzeiten ein kleines Orchester ans Set gesetzt, um die Schauspieler bei jeder Szene in die richtige Stimmung zu bringen. Für diese Orchester war nun auch auch Schluss. Musiker zählen zu den großen Verlierern des Tonfilms.

Und damit zu dem Beruf, der sich mehr veränderte als alle anderen: Der Beruf des Schauspielers.

Die große Demütigung

Die meisten Stummfilmschauspieler hatten noch nie eine einzige Zeile Dialog auswendig gelernt. Ihre Kunst war Mimik, Gestik, Ausdruck. Die Stars unter ihnen hatten damit umgerechnet 150.000 Dollar pro Woche verdient.

Doch nun wurden sie alle zu “Voice Auditions” gezwungen und diese konnten ganz offiziell das Ende ihrer Filmkarriere bedeuten. Selbst wenn das Studio dem Schauspieler einen Tonfilme gewährte war das noch keine Garantie. Die Zahl die Stars, deren Filme plötzlich zu Flops wurden, wuchs kontinuierlich. Bald sprach Hollywood vom “Talkie Terror”.

“Das ganze Business ist verängstigt”, polterte Will Rogers. “Du triffst Schauspieler, die dir früher einfach nur zugenickt hätten, aber jetzt bleiben sie stehen und fangen an zu plappern wie ein Papagei. Über das Wetter, Politik und Babe Ruth, alles nur um das Reden zu üben. Alles ist Annunciation. Ich war 23 Jahre auf der Bühne und hab das Wort noch nie gehört3!”

Für viele Schauspieler brachte all das Üben nichts - sie verschwanden buchstäblich von der Bildfläche. Aber warum? War wirklich die Stimme schuld?

Der Mythos vom tödlichen Akzent

Der Tonfilm brachte tatsächlich eine Horde von Hollywood-Schauspielern aus dem Geschäft. Aber nur selten war die Stimme schuld. Manchmal gerieten sie in die Politik des Studios (wenn man teure Verträge loswerden konnte, dann jetzt), manchmal wäre ihre Karriere ohnehin bald zu Ende gewesen4.

Die vielen Stimmpädagogen in Hollywood mochten das anders sehen, doch eine “perfekte” Stimme war nicht notwendig (und wenn du beim nächsten Film mal näher hinhörst, erkennst du, dass das immer noch so ist). Wichtiger war, dass die Stimme zum Schauspieler passte. Oder richtiger: zu den Erwartungen des Publikums. Dann war selbst ein Akzent kein Problem. Schauspieler wie Marlene Dietrich hatten einen mittleren bis starken Akzent, aber betonten damit ihre mysteriöse Sinnlichkeit oder was immer zu ihrer “Marke” als Star passte.

Und natürlich brauchten die Schauspieler weiterhin gute Filme. Hatten sie die nicht, wurden sie von der neuen Riege von Tonfilmschauspielern eiskalt überholt.

Am Ende schaffte ein Großteil der Schauspieler den Sprung in den erlesen Kreis. Sie kehrten zurück ins Studio. Und dort empfing sie - ein Albtraum.

Tödliche Stille

Wir sind auf der Sound Stage. Diesmal schauen wir sie uns mit den Augen eines Stummfilmschauspielers an. Und wir fragen uns: Was zur Hölle ist mit meinem Arbeitsplatz passiert?

Kein Orchester, das auf Knopfdruck die richtige Stimmung erzeugt. Kein Direktor, der uns behutsam fernsteuert (“Gut, nun hörst du die Schritte - und bleibst stehen. Schnell zum Fenster, du machst es auf, sehr gut!”) Kein Applaus mehr nach einer gut gespielten Szene. Kein vertrautes Gemurmel der Kameramänner, Hämmern von Zimmerleuten am Nachbarset. Sobald die rote Lampe angeht, frieren alle ein und es ist still wie in einem Grab. Und wer ist dieser Typ im Glaskasten?!

“Es war furchtbar”, schrieb Frank Capra. “Die Schauspieler schwitzten, verpassten ihre Sätze, weinten, brachen zusammen.5

Viele glaubten, dass dies das Ende von Hollywood wäre.

Der Tag danach

Natürlich war es nicht das Ende. Nach ungefähr zwei Jahren hatte Hollywood begriffen, dass im Kampf zwischen technischer und inhaltlicher Brillanz vor allem gute Filme gebraucht wurden. Die Tontechniker blieben, aber sie wurde auf das degradiert, was sie bis heute sind - kleine Zahnräder in der Filmherstellung, deren Namen du und ich nicht kennen. Manche fragen sich, warum es überhaupt einen Ton-Oscar gibt.

Hollywood verarbeitete die Tonfilmrevolution auf die eigene Art: es produzierte Filme darüber.

Der bekannteste ist wahrscheinlich das Musical “Singing in the Rain”. Von den Schmerzen der Revolution ist in diesem Film nur wenig zu spüren - der Film ist bunt, fröhlich, witzig.

“Boulevard der Dämmerung” (“Sunset Boulevard”) ist da schon anders: In beklemmenden Einstellungen macht uns Billy Wilder mit Norma Desmond bekannt, einst eine Stummfilm-Diva und nun eine verwirrte Frau in einer düsteren Villa. Der Regisseur versuchte unter anderem den einstigen Stummfilm-Star Pola Negri für die Rolle zu bekommen, doch das scheiterte an ihrem - jetzt kommt’s! - starken Akzent. Auf ihrem Sterbebett zitierte Negri die Wort der irren Protagonistin: „You don't know who I am?“ Der junge Arzt wusste wirklich nicht, wer sie war.

Warum? Warum gerade damals?

Wenn es dir wie mir geht, dann ist das Rätsel der Tonfilm-Revolution durch all diese Anekdoten nur größer geworden. Warum nahm eine ganze Branche, von jetzt auf gleich, diesen schwierigen Weg auf sich? Warum nicht erst, als die Technik bereit war? Warum so plötzlich? Warum gerade Ende der 1920er?

All diesen Fragen widmet sich der dritte und letzte Teil.

  1. Eyman, Scott. The Speed of Sound: Hollywood and the Talkie Revolution 1926-1930, S.233

  2. http://www.pophistorydig.com/topics/silent-to-sound-film-era-1920s/

  3. Eyman, Scott. The Speed of Sound: Hollywood and the Talkie Revolution 1926-1930 (S.262)

  4. http://moviessilently.com/2013/02/12/silent-movie-myth-1-silent-stars-had-funny-voices/

  5. http://www.pophistorydig.com/topics/silent-to-sound-film-era-1920s/