Rückblickend hat der Sommer 2018 einen Schalter umgelegt: Wir haben Angst vor dem Klimawandel bekommen. Verstärkt hat dies ein faszinierender Medienhype. Wie kam es dazu? Und ist die Angst vor der “Heißzeit” wirklich das, was wir jetzt brauchen?

Zunächst wurden wir nur nervös, im heißen Sommer 2018. Die Frage war nicht, wann es endlich wieder regnet. Und ob es schon mal so einen Sommer gegeben hatte.

Was wir in Kantinen und Kneipen diskutierten, war die Frage: Müssen wir uns daran gewöhnen? War das hier gerade eine Demoversion für den Mist, den Klimaforscher seit Jahren prophezeien: “Dürre” und “Extremwetter”, Wörter wie von einem anderen Stern, die jetzt plötzlich fühlbar waren.

Zunächst wurden wir nur nervös, im endlosen Sommer 2018. Doch dann kam das Wetter in der Berichterstattung an.

Eine besondere Kaskade

Der Klimawandel ist das ganze Jahr über auf den Startseiten deutscher Nachrichtenseiten präsent - auf einem niedrigen, aber konstanten Niveau. Neue Studien zu den schmelzenden Polkappen gibt es ständig und irgendwo unter “Natur & Wissen” ist immer noch ein Plätzchen frei fürs wichtigste Thema der Menschheit.

Aber nun schau dir mal diese Statistik1 an:

Mitten im Jahr schnellte die Berichterstattung nach oben - zunächst ganz ohne neue Studien oder prägnante Ereignisse. Die Headlines waren drastisch: “Zukunft im Schwitzkasten”, “Bald gibt es kein Zurück mehr” und “Kollabiert gerade das Klima?”

Was war passiert? Nichts bestimmtes. Die Medien bedienten schlichtweg den Kern jeder besonders erfolgreichen Berichterstattung: Angst. Wirklich neue Informationen enthielt die Artikelflut nicht, auch keine Fragen, die wir uns nicht schon gestellt hätten. Doch indem nun jeder seine eigenen Ängste im SPIEGEL bestätigt sah, geschah das, was Verhaltensökonomen eine Verfügbarkeitskaskade nennen:

Initiale Berichterstattung

Öffentlichkeit wird aufgerüttelt und beunruhigt

Medien berichten über die Reaktion der Öffentlichkeit

Noch mehr öffentliche Beunruhigung

Die Verfügbarkeitskaskade liebt Angstthemen und verpasst ihnen gerne griffige Namen: “Gammelfleisch” und “Rinderwahn”, du erinnerst dich? Die Kaskade sorgt außerdem für ein interessantes Phänomen, das mich jedes Mal aufs neue fasziniert: Für einen kurzen Zeitraum hagelt es wie zufällig neue Erkenntnisse und Geschehnisse.

Genau das erleben wir im August. In der zweiten Woche geht ein internationales Forscherteam mit einer extremen Klimaprognose öffentlich - das Wort “Heißzeit” klettert auf die obersten Plätze der Nachrichtenseiten. Gleichzeitig widmet das New York Times Magazine eine ganze Ausgabe dem monumentalen Text “Losing Earth”. Kurz danach veröffentlichen zwei Wissenschaftler ein neues Klimamodell namens “Volksklimarechner”, es prognostiziert weitere Hitzerekorde für die nächsten Jahre.

All dies wäre auch in einem kalten Sommer passiert. Nur hätten wir wahrscheinlich nichts davon mitbekommen. Die Kaskade erschafft Ereignisse nicht, aber sie fügt sie zu einer großen Geschichte zusammen.

Interessant ist: Der Klimawandel hat sich nun auf den News-Seiten festgebissen, siehe die Statistik oben. Voraussagen des Weltklimarats und weitere Erkenntnisse füttern uns mit Doomsday-Szenarien und hämmern die immer gleiche Botschaft in unsere Köpfe: Es sieht wirklich, wirklich übel aus.

Ist das, ausnahmsweise, genau der richtige Weg? Ist im Fall des Klimawandels eine ordentliche Portion Angst das, was endlich helfen könnte? Das kommt drauf an.

Angst: Ein zweischneidiges Schwert

Im oben erwähnten Text “Losing Earth” kommt Nathaniel Rich zu dem Schluss:

“Wie die meisten menschlichen Fragen wird die CO2-Frage sich mit Angst beantworten lassen. An einem bestimmten Punkt wird die Angst der jungen Menschen die Angst der alten Menschen übertreffen.”

Bis jetzt ist das nicht passiert, weil wir den Klimawandel nicht anfühlen, nicht fassen können. Der Klimawandel ist, wie der Science Fiction Autor Stanley Robinson neulich sagte, ein “Hyperobjekt” - zu groß und zu komplex, um überhaupt noch als ein Ding gedacht werden zu können.

Unser Gehirn ist von langgezogenen, abstrakten Problem völlig überfordert - oder fällt es dir leicht, die richtigen Versicherungen herauszusuchen oder jedes Jahr Geld für die Rente beiseitezulegen? Und diese Probleme sind im Vergleich zum Klimawandel geradezu handlich.

Wir brauchen etwas spürbares, vor dem wir uns fürchten können - jetzt und hier. Deswegen hat dieser Sommer bei vielen einen Schalter umgelegt, auch bei mir. “Dürre” ist kein abstraktes Wort mehr, wenn auf deiner Straße die Bäume eingehen und die Feuerwehr zum Gießen vorbeikommt.

Heißt das aber, dass Weltuntergangszenarien genau der richtige Verstärker sind? Ja und nein.

Natürlich ist niemandem geholfen, wenn wir weiter die Tatsachen frisieren. All denen, die den Klimawandel als Chance für neue Branchen und Unternehmen verkaufen, rief die 15-jährige Aktivistin Greta Thurnberg entgegen: “Ihr sprecht nur vom grünen, ewigen Wirtschaftswachstum, weil ihr Angst davor habt, unpopulär zu sein! Ihr wollt mit den gleichen schlechten Ideen weitermachen, die uns diesen Mist eingebrockt haben.” Autsch.

Aber Doomsday-Szeanrien haben ebenfalls einen großen Nachteil: Sie können Verzweiflung schüren. Und Verzweiflung führt dazu, dass wir wir überhaupt nichts mehr unternehmen, weil die Zukunft ohnehin schon feststeht.

Ein Trugschluss.

“Die Zukunft ist unsicher”, betont die Journalisten Rebecca Solnit. “Und Verzweiflung ist eine Form von Sicherheit”.

Angst ist also gut, Verzweiflung nicht. Was wir endlich gebacken kriegen müssen ist, aus dem Gefühl des Hitzesommers Aktionen abzuleiten. Opfer zu bringen. Gerade jetzt, wenn Glühwein und Skiurlaub die verdorrten Felder des Sommers längst ausgeblendet haben.

Vor uns liegt ein neues Jahr und damit die Zeit der guten Vorsätze. Wenn sich jeder von uns eine wirklich mutige Sache vornimmt, um gegenzusteuern, hat sich das Schwitzen gelohnt. Vielleicht wäre das mal ein Thema für die Berichterstattung.

Lesetipps

  1. Für diese Statistik habe ich die Seiten von faz.de und zeit.de automatisiert jeden Morgen auf Headlines zum Thema Klimawandel, Erderwärmung, Treibhaus usw. durchsucht