• Die Automatisierung wird viele Berufsbilder durch Maschinen ersetzen oder neu definieren.
  • Es ist nicht klar, welche Berufe wirklich Zukunft haben. Auch wenn manche das behaupten.
  • Wenn du deine Karriere planst, halte nach Jobs Ausschau, die von der Automatisierung profitieren und dir beibringen, kreativ mit Maschinen zu arbeiten

Hat dein Beruf Zukunft?

Als ich Mitte der Nullerjahre in das Berufsleben einstieg, war diese Frage einfach zu beantworten. Es gab einerseits die zeitlosen Ausbildungsberufe, mit denen man nichts falsch machen konnte - Bankkaufmann zum Beispiel. Und es gab Jobs, die etwas mit dem Internet oder Computern zu tun hatten. Berufe mit Zukunft, das wusste auch meine Oma.

Heute ist die Antwort vertrackter. Als größter Feind eines Berufs gilt jetzt: der Computer. Er wird uns Jobs wegnehmen, 4 Millionen in den nächsten 15 Jahren. Das hat das Arbeitsministerium ausgerechnet.

Egal, ob du nun vor dem ersten Job stehst, dich umorientieren möchtest oder seit Jahren im Traumberuf arbeitest - wahrscheinlich lassen dich solche Prognosen nicht kalt. Wo ist die Formel, die uns sagt, welche Berufe es in zehn Jahren überhaupt noch gibt?

Die Automatisierungsformel

Automatisierung, das Ersetzen von Menschen durch Maschinen, hat schon immer ganze Berufsbilder geschluckt - vom Schriftsetzer zum Streckenwärter. Anfangs war es nur die körperliche Kraft, die ersetzt wurde (Mechanisierung), mehr und mehr aber Prozesse, hinter denen Denkarbeit steht.

Und nun sind die Berufe dran, die eigentlich in Stein gemeißelt waren. Der solide Bankkaufmann? Gilt als Beruf ohne Zukunft: Studien prophezeien, dass Banken einen Großteil ihrer Angestellten durch Software ersetzen, seit meinem Berufstart hat schon ein Viertel der deutschen Bankfilialen dicht gemacht.

Kann man ausrechnen, welche Berufsbilder als nächstes wackeln? Studien zum Thema suggerieren eine einfache Formel: je mehr Routine und wiederkehrende Aufgaben ein Job enthält, desto höher die Gefahr, dass er wegautomatisiert wird. Die OECD hat einen Online-Test entwickelt, der auf genau dieser Logik basiert.

Aber so einfach ist das nicht. Im Berufsalltag gibt es keine simple Unterscheidung von “Routine” und “Kreativität”, die Grenzen zwischen wiederkehrenden Aufgaben und komplexer Denkarbeit sind meist fließend. Und keiner weiß, was Computer in zehn oder zwanzig Jahren wirklich können werden.

Ich stelle dir deswegen eine andere Formel vor. Statt viele Jobs durch ein Sieb zu jagen und zu schauen, was nach der Automatisierung übrig bleibt, bevorzuge ich einen positiven Filter: Welche Jobs profitieren eigentlich von der Automatisierung?

Dieser Filter besteht aus drei Fragen:

  1. Kannst du in diesem Beruf kreativ mit Maschinen arbeiten?
  2. Ist uns wichtig, dass ein Mensch diesen Beruf ausübt?
  3. Wird dieser Job aufgrund der Digitalisierung wichtiger?

Frage 1: Kannst du in diesem Beruf kreativ mit Maschinen arbeiten?

Der Informatiker Cal Newport sieht drei Gruppen gut gerüstet für die digitale Revolution: (1) Menschen mit Zugang zu Kapital, (2) die Top-Talente einer Branche, (3) Menschen, die gut und kreativ mit intelligenten Maschinen arbeiten können.

Maschinen sind nicht der Feind. In den meisten Fällen arbeiten wir mit ihnen zusammen, statt dass sie uns einfach ersetzen.

Nehmen wir zum Beispiel dieses Buch hier:

Man sieht es heutigen Bilderbüchern nicht an, doch die meisten von ihnen entstehen mit Hilfe von Photoshop und Grafiktablett. Der Computer hat natürlich nicht das Malen übernommen, aber er macht vieles einfacher. Der Illustrator kann Elemente leichter kombinieren, sich gefahrlos ausprobieren und binnen Sekunden alles rückgängig machen. Solche Experimente, die früher undenkbar gewesen wären, führen zu besseren Ergebnissen. Vielleicht wird der Computer bald sogar intelligente Änderungsvorschläge machen? Selbst dann wäre der Beruf des Illustrators immer noch der gleiche wie vor hundert Jahren. Mensch und Maschine würden nur noch enger miteinander arbeiten.

Für dieses Miteinander gibt es in vielen Berufen noch großes Potential, quer durch die Bank, vom Marketingmanager bis Stadtplaner. Selbst klassische Industrieroboter arbeiten vermehrt mit Menschen zusammen.

Frage 2: Ist uns wichtig, dass ein Mensch diesen Beruf ausübt?

Angenommen, Roboter könnten jede Arbeit der Welt ausführen, würdest du das wollen? Fändest du es okay, dass ein Roboter dir deine Krankheitsdiagnose übergibt, deine Kinder betreut und sich deine Probleme anhört?

Auf absehbare Zeit werden die meisten Menschen das nicht wollen.

Sogar wenn Maschinen ein besseres Ergebnis erzielen würden - manchmal zählt das einfach nicht. Nimm zum Beispiel Artisten und Künstler. Natürlich können Computer schon jetzt Musikstücke komponieren und Bücher schreiben. Aber was bringt das? Noch mehr Musikstücke und Bücher, klar. Aber man geht ja auch nicht in den Zirkus, um sich seiltanzende Roboter anzuschauen.

Kreative Köpfe - vom Youtube-Blogger zum Buchautor, vom Instagram-Hobbykoch zum stadtbekannten Künstler - werden nicht von Computern ersetzt werden, wenn sie sich als “Marke” mit einer treuen Fangemeinschaft etablieren. Und da wir alle immer mehr Freizeit haben, steigen die Chancen, von einer Kunst leben zu können.

Frage 3: Wird dieser Job aufgrund der Digitalisierung wichtiger?

Hier kommt die Frage für die Mutigen. Statt die (scheinbar) zeitlosen Berufe ins Auge zu nehmen - gibt es Berufe, die in zehn Jahren wichtiger sind als heute? Hier gibt es kein richtig und falsch, aber mit etwas Nachdenken wirst du zu überraschenden Ergebnissen kommen. Zur Inspiration hier meine Wetten darauf, welche Berufe bald Hochkonjunktur haben:

1) Lehrer. Je komplexer unsere Welt wird, desto dringender benötigen wir sie: ersönliche Coaches, Trainer, Seminarleiter, Berater.

2) Philosophen. Das Zusammenspiel von Mensch und Maschine schreit nach Leuten, die ethische Fragen verstehen und beantworten können. Viele Konzerne suchen schon heute nach solchen Digital-Ethikern. Computer können uns nicht sagen, wie wir am besten mit ihnen umgehen. Das ist unser Job. Ein Job mit Zukunft.

Die eigentliche Frage ist, was du lernst

Der positive Filter ist keine Faustformel und er liefert keine eindeutigen Antworten. Du schaust in die Glaskugel, nur von einem anderen Sitzplatz.

Die vielzitierte Oxford-Studie zur Zukunft der Arbeit sagte 2013 voraus, dass viele Berufe automatisiert oder völlig neu definiert werden. Sie sprach nicht von Entlassungen und Stellenabbau.

Für Carl Benedikt Frey, einer der Wissenschaftler hinter der Studie, gibt es trotzdem einen Zusammenhang - wenn ein Job neu definiert wird, führt das eben dazu, dass ein Unternehmen neue Leute mit anderen Fähigkeiten einstellt. Das ist günstiger als eine jahrelange Umschulung.

Viel wichtiger als der Beruf, den du ergreifst, ist also die Frage, was du in diesem Beruf wirklich lernst. Maschinen zerstören Berufsbilder, aber sie schaffen auch ständig neue - und zwar für diejenigen, die gut und kreativ mit ihnen arbeiten. Langfristig ist das eine überlebenswichtige Fähigkeit.

Wer das verstanden hat, der findet seinen Beruf mit Zukunft.