Es ist wieder soweit. Eine der meistbesuchten Webseiten der Welt geht uns auf den Zeiger - Wikipedia bettelt um Spenden. Und jeder fragt sich: Wofür braucht eine Online-Enzyklopädie so viel Geld? Und warum jedes Jahr aufs neue? Ich finde, das sind genau die falschen Fragen.

Einige besuchen die Website einfach nicht, bis es vorbei ist. Andere installieren eine Browser-Extension, die den Spendenaufruf ausblendet (die klassischen Adblocker tun das nicht). Und selbst wer einknickt und die verlangten zwei Euro spendet, ist genervt von der blauen Blase:

Egal, zu welcher Gruppe du gehörst, wahrscheinlich hast auch du dich gefragt, was Wikipedia mit so viel Geld anstellt. Allein in Deutschland geht es jedes Jahr aufs Neue um 8 Millionen Euro. Wer oder was wird da bitte bezahlt?

Ich finde eine andere Frage viel spannender. Dass der Betrieb von Wikipedia grundsätzlich Kosten verursacht, ist klar - aber warum bittet Wikipedia um Spenden? Weil die Nutzung eben kostenlos ist? Das reicht nicht als Antwort. Für viele Grundpfeiler des Internets zahlen wir ebenfalls kein Geld - wir wurden aber auch niemals um Spenden gebeten.

Die Suche nach den fehlenden Geldhähnen macht deutlich, warum die größte Enzyklopädie der Welt wirklich etwas besonderes ist.

Möglichkeit 1: Open Source

Große Teile der Software, die du jeden Tag nutzt, sind Open Source. Sie gehören niemandem und werden trotzdem von Menschen auf der ganzen Welt weiterentwickelt.

Linux zum Beispiel: Weit über die Hälfte aller Webseiten laufen auf diesem Betriebssystem, ebenso die meisten Geräte die du nutzt - vom Android-Telefon bis zum intelligenten Thermostat. Entwickler weltweit verbessern Linux täglich und meistens tun sie das in ihrer offiziellen Arbeitszeit. Allein 4.000 Mitarbeiter der Firma Microsoft haben im letzten Jahr zu Open Source Projekten beigetragen.

Große Unternehmen “spenden” also ihre wichtigste Ressource: Die Arbeitszeit der Entwickler. Weniger aus ideologischen Gründen, natürlich, sondern weil Google & Co. abhängig von Linux sind.

Interessanterweise ist Google genauso abhängig von Wikipedia. Der “Knowledge Graph” von Google ist das sichtbarste Beispiel - jedes Mal, wenn du nach einer Person oder einem Ort googlest, zeigt dir Google in einem kleinen Kasten die wichtigsten Fakten an. Diese Fakten kommen aus Wikipedia.

Unter der Haube geschieht noch viel mehr. Der gigantische, vielsprachige Textkorpus von Wikipedia ist der wichtigste Rohstoff für alle, die sich mit Machine Learning, Computerlinguistik und Künstlicher Intelligenz beschäftigen - das tut nicht nur Google, sondern auch die Universität um die Ecke. Im Fall von Software wie Linux fließen bei diesen Arbeiten ganz selbstverständlich kleine Verbesserungen zurück. Bei Wikipedia nicht. Google hat noch nie etwas zu Wikipedia beigetragen.

Damit ist Wikipedia ein einbeiniges Open-Source-Projekt: Jeder große Player nutzt es, keiner von ihnen verbessert es.

Möglichkeit 2: Freemium

Das zweite Geschäftsmodell, das für Wikipedia in Frage käme, wäre Freemium. Du kennst dieses Modell von Apps wie Evernote, Dropbox oder Spotify: Die Basis-Variante ist kostenlos, nur ein kleiner Teil der Nutzer zahlt für Premium-Funktionen. Diese Power-User “füttern die anderen mit durch”, oft sind es Unternehmen und Geschäftskunden.

Soweit so gut. Aber wie wäre diese Strategie mit der Mission von Wikipedia vereinbar, Wissen für jeden Einzelnen verfügbar zu machen? Spezielle Inhalte hinter eine Paywall zu stecken passt nicht zu dieser Mission.

Und Features zu verkaufen, ebenfalls nicht - Wikipedia steht für Wissen, nicht für Features. Jedem Unternehmen steht es natürlich frei, mithilfe des Wikipedia-Wissens interessante Apps zu bauen und mit diesen sogar Geld zu verdienen. Google macht ja genau das.

Das Problem ist: Das Bankkonto von Wikipedia bekommt davon nichts mit.

Möglichkeit 3: Werbung

Das offensichtlichste Modell: Werbung. Eine unscheinbare Text-Anzeige unter jedem Artikel, deutlich gekennzeichnet und passend zum Inhalt - wäre das wirklich so schlimm? Wenn uns dadurch das alljährliche Spenden-Popup erspart bliebe?

Das Problem ist nicht die Anzeige selbst. Vorausgesetzt, wir bekämen Werbebanner und Wikipedia wirklich verheiratet, dann würde das zu einem Paradigmenwechsel führen: Wikipedia hätte ein großes Interesse daran, dass wir ihre Website besuchen.

Der Trend jedoch ist gegenteilig: Die Nutzung von Wikipedia steigt, die Seitenaufrufe aber sinken. Das liegt daran, dass die Fakten von Wikipedia immer häufiger außerhalb von wikipedia.org zu uns kommen: Im Kasten auf der Google-Ergebnisseite, in den Antworten von Alexa und Siri.

Wenn die Wikipedia-Stiftung von Werbeeinnahmen abhängig wäre, müsste sie jetzt gegensteuern. Wie das in der Praxis ausschaut, zeigt Twitter. Twitter begann als eine Schnittstelle, auf der jedermann coole Twitter-Applikationen bauen konnte - von Tweetbot bis Twitterrific. Doch jetzt, wo Twitter mit Werbeanzeigen Geld verdienen muss, wird die Schnittstelle jedes Jahr ein wenig schlechter. Kein Wunder, schließlich verringert jede Dritt-App die Zahl der Nutzer, die die Anzeigen sehen.

Ich mag den Info-Kasten auf Google. Und auch die allwissende Alexa. Eine werbefinanzierte Wikipedia würde beidem den Saft abdrehen.

Eine Frage der Wertschätzung

Wikipedia.org ist ein ausgezeichnetes Produkt. Ich stolpere selten über Fehler oder habe Schwierigkeiten bei der Bedienung. Vielleicht sagst du jetzt, dass das nicht weiter schwer ist. Schließlich ist Wikipedia nur eine Sammlung von Textseiten, die obendrein seit zehn Jahren gleich aussieht.

Aber Produkte, die einfach funktionieren, sind meistens die, an denen exzessiv gearbeitet wird. Hinter Wikipedia steckt - neben den Freiwilligen, die das wichtigste erstellen, den Inhalt - klassische und aufwändige Produktarbeit. Mit allem was dazugehört: A/B-Experimente, Kunden-Tests, kleinste Optimierungen am Design. Da wird sogar eine kleine Link-Preview zum Großprojekt.

Damit Wikipedia so ist, wie es ist, braucht die Stiftung dahinter Geld - und die klassischen Ansätze sind keine Option.

Trotzdem, ist das Stiftungsvermögen von 120 Mio. Dollar nicht seltsam hoch? Steckt darin nicht ein übertrieben dickes “Rücklagenpolster”?

Keine Ahnung. Ich weiß nur: Wenn der Betrieb von wikipedia.org gerade doppelt und dreifach sichergestellt ist ... bin ich echt beruhigt. Stell dir vor, die Seite würde morgen eingestellt werden. Nicht nur das Internet sähe anders aus.

Nun spende ich zwar jeden Monat für Wikipedia (und bekomme deswegen vom Spendenaufruf nichts mit), aber ich erwarte gar nicht, dass andere das auch tun. Wirklich unter Zugzwang sehe ich: Unternehmen. Recherchieren du und deine Kollegen regelmäßig auf Wikipedia? Um mal eben eine Formel zu checken, einen neuen Konkurrenten zu verstehen oder größere Zusammenhänge zu begreifen? Dein Arbeitgeber sollte sich überlegen, einen Dauerauftrag zu starten. Und er sollte jeden ermutigen, bei Wikipedia mitzumachen - während der Arbeitszeit.

Das Problem Wikipedias ist nicht das Geld. Sondern dass die Schere zwischen Lesern und Redakteuren immer größer wird. Weil sich immer mehr Apps und Firmen einfach bedienen, vergessen wir, dass Wikipedia von Menschen erstellt wird. Alexa kann dir nur sagen, wie schnell ein Gepard läuft, weil jemand, ein Mensch, diese Information in Wikipedia festgehalten hat.

Wikipedia ist ein Teil unseres Alltags. Mehr als je zuvor. Hoffentlich auch noch in zehn Jahren.

Oder?

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