In der Nacht zum 11. April 1812 versammelten sich 200 maskierte Männer am Rande der englischen Stadt Huddersfield. Sie gehörten einer Bewegung an, die sich innerhalb von Wochen in ganz Nordengland ausgebreitet hatte und sich gegen Fabrikbesitzer und ihre Geschäftspraktiken richtete. Diese Fabrikanten setzten neuerdings ungelernte Arbeiter an ihren Textilmaschinen ein, zu einem Bruchteil des Lohns, den erfahrene Weber zuvor erhalten hatten. Während die Profite der Fabrikanten explodierten, verarmten die Weber. Ihre Familien hungerten, ihre Kinder bettelten auf der Straße.
Die „Maschinenstürmer“ oder “Ludditen” – benannt nach ihrem mythischen Anführer Ned Ludd1 – wehrten sich gegen diese Veränderung und das auf ziemlich eindeutige Weise: Sie zerstörten die Maschinen. Der Anführer des Abends war George Mellor, ein gebildeter, politisch engagierter Arbeiter, der die mit Äxten und Musketen bewaffnete “Armee” zur Rawfolds Mill führte.
Allerdings war William Cartwright, der Besitzer der Fabrik, gewarnt worden. Als die Ludditen versuchten, das schwere Eisentor der Fabrik aufzubrechen, pfiffen ihnen die Kugeln um die Ohren. Im folgenden Gefecht verloren zwei ihr Leben und in den folgenden Wochen reagierte die Regierung mit brutaler Härte auf die Maschinenstürmer. Tausende Soldaten patrouillierten durch die Industriegebiete, und ein neues Gesetz stellte die Zerstörung von Webmaschinen unter Todesstrafe. Mellor und sechzehn weitere Ludditen landeten am Galgen von York.
Heute sind die Maschinenstürme ein Symbol für eine Technikfeindlichkeit, die den Fortschritt vergeblich aufzuhalten versucht – und das, obwohl er doch langfristig allen zugutekommt. Der Risikokapitelgeber Marc Andreesen, der andere regelmäßig als „Ludditen“ beschimpft, brachte die Kernthese des neoliberalen Fortschrittsoptimismus neulich perfekt auf den Punkt:
Wir glauben, dass ein Markt die Löhne in Abhängigkeit von der Grenzproduktivität des Arbeiters festlegt. Daher treibt die Technologie – die die Produktivität steigert – die Löhne nach oben, nicht nach unten. Dies ist vielleicht die kontraintuitivste Idee in der gesamten Wirtschaftswissenschaft, aber sie ist wahr, und wir haben 300 Jahre Geschichte, die das beweisen.
Das von Andreesen beschriebene Konzept könnte man als „Sogwirkung der Produktivität“ bezeichnen2. Es ist eine simple Formel mit einer beruhigenden Gewissheit: Künstliche Intelligenz mag unsere Arbeitswelt erschüttern, aber am Ende werden alle profitieren. Leider beruht diese Formel auf zwei falschen Annahmen.
Erstens gab es schon lange vor der industriellen Revolution technologischen Fortschritt, aber dieser führte nicht zu höheren Löhnen. Das Mittelalter brachte eine ganze Reihe bedeutender Innovationen hervor, wie zum Beispiel:
- den schweren Räderpflug, der zusammen mit der Dreifelderwirtschaft die Ernteerträge um bis zu 50 % steigerte
- das Hufeisen
- Wind- und Wassermühlen
- das Spinnrad.
In der mittelalterlichen Wirtschaft mangelte es also nicht an technologischen Neuerungen, erst recht nicht in der Landschaft. Trotzdem versanken die Bauern im Elend.
Zweitens hat auch die industriellen Revolution mit ihren sagenhaften Produktivitätssteigerungen am Elend des Mittelalters wenig geändert, zumindest nicht sofort. Der Ökonom John Stuart Mill konstatierte 1870, dass trotz (oder wegen) der technologischen Fortschritte „der Großteil der Bevölkerung das gleiche Leben in Schufterei und Gefangenschaft führt, während eine größere Zahl von Fabrikanten ein Vermögen macht.“ Selbst am Vorabend des Ersten Weltkriegs lebten noch immer zwei Drittel der Menschheit als Kleinbauern von der Hand in den Mund, ihre Lebenserwartung hatte sich kaum erhöht und die meisten Menschen konnten weder lesen noch schreiben.
Heute leben wir tatsächlich in utopischen Verhältnissen und selbst die Ärmsten genießen einen Luxus, von dem die Könige des Mittelalters nur träumen konnten. Doch nicht „300 Jahre Geschichte“, wie es Marc Andreessen behauptet, haben uns in diese Welt geführt, sondern die jüngste Vergangenheit. Wie gelang der Sprung vom industriellen Elend zum geteilten Wohlstand? Und was können wir daraus für die Zukunft lernen?
Die Grenzproduktivität muss steigen
Wenn neue Technologien die Produktivität der Arbeit erhöhen, steigt die Grenzproduktivität – also der zusätzliche Output, den ein weiterer Arbeiter erzeugt. Unternehmen stellen mehr Arbeiter ein, weil sich das für sie lohnt und die steigende Nachfrage nach Arbeitskräften treibt die Löhne nach oben. Dieser Effekt fängt sogar ab, dass Maschinen auch einige Arbeitsplätze verdrängen.
So schön diese Aufwärtsspirale auch klingt, sie funktioniert allerdings nicht immer. Viele neue Technologien, die heute entwickelt werden, sind laut dem Wirtschaftsnobelpreisträger Daron Acemoglu „So-lala-Technologien“: sie verbessern die Produktivität nicht signifikant, verdrängen aber trotzdem viele Arbeitsplätze. Selbstbedienungskassen in Supermärkten sind dafür ein gutes Beispiel. Die SB-Kassen ersetzen Kassierer, indem sie die Arbeit einfach auf den Kunden verlagern – und der muss beim umständlichen Abscannen sogar noch vom Supermarktpersonal überwacht werden. So eine Art der Automatisierung ersetzt Arbeit, statt sie produktiver zu machen, und deswegen führt sie auch nicht zu mehr Arbeitsplätzen. Die Idee, dass Technologien die Arbeitsnachfrage schlussendlich erhöhen, ist deswegen falsch – es kommt darauf an, wie wir sie einsetzen.
Das gilt erst recht bei Künstlicher Intelligenz. Generative KI hat zum Beispiel autonome Anrufroboter ermöglicht, die eigenständig Anrufe annehmen und durchführen können. Wenn solche Voicebots Fachkräfte entlasten, die sonst immer wieder von Anrufen unterbrochen werden, steigert das ihre Produktivität, weil sie sich auf ihre eigentliche Arbeit konzentrieren können. Ersetzt der Bot allerdings erfahrene Callcenter-Mitarbeiter, fällt ein Arbeitsplatz weg, ohne dass das Ergebnis wirklich besser wäre. Die Grenze zwischen „entlassen“ und „entlasten“ ist manchmal hauchdünn.
Letzteres führt zu der Situation, die die Ludditen zu den Äxten greifen ließ: Eine kleine Elite, vorwiegend die Besitzer der Technologie, mehrt ihr Vermögen, während viele andere ihre Jobs und auch ihre Würde verlieren. Eine Oxford-Studie prognostiziert, dass 47 % der US-Beschäftigungen durch Automatisierung gefährdet sind. Gleichzeitig entstehen neue Jobs vorwiegend im Niedriglohnsektor der Gig-Economy, charakterisiert durch prekäre Beschäftigungsverhältnisse ohne Sozialversicherung.
Schlechte Verhandlungspositionen
Auch wenn die Produktivität wirklich steigt, muss das noch lange nicht für die Löhne gelten.
Die mittelalterliche Innovation der Windmühlen sorgte dafür, dass mehr Getreide verarbeitet werden konnte, was nicht nur zur mehr Müllern, sondern ganz neuen Berufen führte. Die Arbeitnehmer bekamen von diesem Produktivitätsgewinn allerdings nichts zu spüren, denn nur ihre Feudalherren und die kirchliche Elite durften Mühlen bauen („Mühlenrecht“) und sie konnten die Nutzungsgebühren frei bestimmen. Ähnlich wie „Big Tech“ heute waren Mühlen eine zentralisierte Infrastruktur in der Hand weniger Monopolisten.
In der Anfangsphase der Industrialisierung war das genauso. Arbeiter schufteten sechzehn Stunden am Tag in lärmenden Fabrikhallen, während ihre Kinden einen Großteil des Tages unter lebensgefährliche Maschinen und in dunklen Minen verbrachten. Die frühe Industrialisierung überbot das Elend des Feudalismus.
Es benötigte zwei neue Erfindungen, um die Verhandlungsposition der Arbeiter zu verbessern: Gewerkschaften und Arbeitsschutzgesetze. Erst mit diesen Innovationen, dieses Mal auf gesellschaftlicher Ebene, begannen die Reallöhne zu steigen – nicht durch einen magischen Automatismus, sondern weil Institutionen die Macht zwischen Kapital und Arbeit neu austarierten.
Was machen wir daraus?
Wie schaffen wir es, dass technischer Fortschritt nicht nur einigen wenigen nützt? Es hängt an zwei Faktoren:
- Innovationen, die neue, hochwertige Arbeitsplätze schaffen, statt nur die alten zu ersetzen
- Institutionen, die sicherstellen, dass die Produktivitätsgewinne fair verteilt werden.
Die Nachkriegszeit zeigt, dass dieser Mix funktioniert: Hochwertige Arbeitsplätze, etwa in der Autobranche oder der Elektroindustrie, starke Gewerkschaften und ein ausgebauter Sozialstaat sorgten dafür, dass der technologische Fortschritt allen zugutekam. Anders als im ersten Jahrhundert der Industriellen Revolution in Großbritannien profitierten nicht nur einige wenige, sondern alle von den neuen Technologien.
Wie können wir sicherstellen, dass es dabei bleibt, wenn Künstliche Intelligenz erneut unsere Arbeitswelt völlig verändern wird? Die Vorschläge dazu füllen Bücher, von der Besteuerung von Automatisierungsgewinnen bis zu einem bedingungslosen Grundeinkommen.
Im Vergleich dazu mag es nicht sonderlich ambitioniert klingen, aber ich glaube, dass allein unsere Einstellung einen gewaltigen Unterschied machen kann. Das marktwirtschaftliche System, in dem wir leben, ist von Natur aus weder besonders gut noch besonders schlecht für gerechten Wohlstand geeignet3. Es liegt an uns, was wir aus dem technischen Fortschritt machen, und überraschenderweise können wir uns dabei einiges von den Ludditen abschauen. Sie waren, anders als heute dargestellt, keine hinterwäldlichen Bauern, sondern hochqualifizierte Maschinenbediener, und sie hatten nicht per se etwas gegen den technischen Fortschritt. Was sie kritisierten, war die Machtverschiebung von Facharbeitern zu Fabrikbesitzern und den verheerenden Auswirkungen auf ihre Arbeitsplätze, ihren Lohn und ihre Autonomie. “Die Ludditen hatten nichts gegen Maschinen“, schreibt David F. Noble in seinem Buch „Progress Without People. „Aber sie hatten auch keinen übermäßigen Respekt vor ihnen.“
Vielleicht ist es insbesondere dieser fehlende Respekt, von dem wir wieder mehr benötigen. Die Vorstellung, dass Technologie quasi-naturgesetzlich Wohlstand erzeugt, entspringt einem technologischen Determinismus, der längst und hinreichend widerlegt wurde. Niemand zwingt uns, eine bestimmte Technologie auf eine bestimmte Art und Weise einzusetzen. Und das gilt erst recht für Künstliche Intelligenz.
Progress without People – Fortschritt, ohne die Beteiligten einzubeziehen – hat in der Geschichte niemals automatisch zu Wohlfahrt für alle geführt. Vielleicht ist das der wichtigste Perspektivwechsel, den wir in der anstehenden Automatisierungswelle einnehmen müssen.
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Eine erfundene Figur, der angeblich in einem Wutanfall zwei Webstühle zerstört hatte. Die Ludditen nutzten diesen Mythos geschickt für ihre politische Kommunikation. ↩︎
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Diesen Ausdruck führen Daron Acemoglu und Simon Johnson in ihrem Buch „Macht und Fortschritt“ ein ↩︎
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J. Bradford hält dazu in in seinem lesenswerten Buch „Slouching Towards Utopia“ fest: „Marktwirtschaften führen nicht zwangsläufig zu immer größerer Ungleichheit bei immer größerem Wohlstand. Manchmal tun sie das. Manchmal aber auch nicht. Und ob dies der Fall ist oder nicht, liegt in der Hand des Staates, der über hinreichend mächtige Instrumente verfügt, um die Einkommens- und Vermögensverteilung nach seinen Vorstellungen zu verengen oder auszuweiten.“ ↩︎
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