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Was bedeutet Innovation wirklich?


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Warum erfanden die alten Griechen keine Dampfmaschinen? Ein frischer Blick darauf, wie Innovationen wirklich entstehen – und warum der zündende Gedanke oft der unwichtigste Teil ist.

Alle wollen Innovation. Sie wird überall gefordert und versprochen, in Positionspapieren, Mission Statements und Preisverleihungen, und sie ist zu einer Worthülse geworden für … ja, für was eigentlich? Für alles, was irgendwie neu ist. Aber neu aus welcher Perspektive? Und ist neu auch immer gut?

Zeit, die Worthülse „Innovation“ wieder mit Leben zu füllen. Es geht mehr als um Wortklauberei, sondern um die Frage, wie wir mit Ideen für echte Veränderung sorgen.

Schritt 1: Die Idee

Innovation basiert auf guten Ideen – das ist eine Binsenweisheit, an der ich nicht rütteln möchte. Allerdings wird die Rolle von Ideen häufig missverstanden.

Das erste Missverständnis ist, dass Innovation ausschließlich auf Ideen basiert. Es gehört, wie wir sehen werden, eine ganze Menge mehr dazu und manchmal ist die Idee der unwichtigste Baustein.

Das zweite Missverständnis ist, dass innovative Ideen bahnbrechend sein müssen, so revolutionär, dass kaum jemand auf sie hätte kommen können. Die Praxis sieht etwas anders aus. Erfolgreiche Innovatoren schauen sich das an, was funktioniert – und gehen genau einen Schritt weiter.

Im Nachhinein wirkt das anders, weil wir nur den letzten Schritt einer ganzen Kette von Innovationen wahrnehmen. Die Prachtbauten des antiken Roms, die wir heute noch bestaunen können, waren natürlich nicht die ersten Gebäude, an denen sich die Römer versuchten. Es sind nur die, die heute noch stehen. Ein Großteil des alten Roms bestand aus Slums 1, die ganz oder teilweise aus Holz gebaut waren und regelmäßig abbrannten. In den literarischen Werken wohlhabender Bürger spielen diese Miethäuser keine Rolle, aber sie lieferten den Architekten und Stadtplanern wichtige Erkenntnisse für ihre Arbeit.

Schritt 2: Kreation

Eine „Schöpfung“ oder Kreation ist eine Idee, die nützlich oder wertvoll ist 2. Und Wert entsteht nur auf eine einzige Art und Weise: echte Probleme werden gelöst.

Die meisten Innovationen lösen Probleme, die hier und heute schon existieren. Manchmal sind diese Probleme schon vom Markt gelöst, manchmal nicht (dann müssen sich die Nutzer mit Workarounds herumschlagen). Diesen Prozess der immer besseren Innovationen kann man als „Wiedererfindungskurven“ bezeichnen: die Lösungen kommen den immer gleichen Problemen mit jeder neuen Innovation näher. Der Ur-Ur-Vorfahre von Spotify ist deswegen nicht der Walkman oder das Grammophon, sondern der moderne Notendruck.

Ungelöste Probleme sind nicht immer wichtig

Die Welt ist voller ungelöster Probleme, aber viele davon sind auch nicht besonders wichtig. Workarounds können zum Beispiel seit Jahrzehnten existieren, weil einfach niemand für eine echte Lösung Geld bezahlen möchte.

Manchmal adressiert Innovation auch ganz neue Wünsche und Bedürfnisse, z. B. wenn neue Märkte entstehen. Doch selbst neue Gattungen wie das Smartphone bündeln häufig nur neu, was es schon gab und stillen sehr alte Bedürfnisse (Komfort und Kommunikation in diesem Fall).

Schritt 3: Erfindung

Eine gute Idee macht noch keine Erfindung. Warum entwickelten die alten Griechen aus Dampfkraft nur Spielzeug , aber keine Dampfmaschinen? An der grundlegenden Idee mangelte es nicht. Doch sie waren nicht in der Lage, die moderne Dampfmaschine zu erfinden – also Dampfkraft praktisch nutzbar zu machen – weil dafür eine ganze Reihe von Durchbrüchen notwendig war. Die moderne Dampfmaschine ist derart kompliziert, dass man ein Dutzend Schaubilder studieren muss, um ihre Funktionsweise zu verstehen (die landläufige Vorstellung, dass Dampf einen Kolben „nach oben drückt“, ist vollkommen falsch).

Die alten Griechen erfanden zwar nicht die Dampfmaschine, dafür über die Gattung „Tech-Gadget“

Der Weg von einer Idee zur Erfindung kann lang sein – im Fall der Dampfmaschine benötigte er 2000 Jahre. Und manchmal braucht es nicht nur eine Erfindung, sondern einen ganzen Haufen. Der moderne Digitalcomputer ist, wie M. Mitchell Waldrop erklärt, „in Wirklichkeit eine Kombination aus mindestens einem halben Dutzend separater Erfindungen, von denen die meisten nicht nur ein weiteres Gerät, sondern eine Veränderung in der Art und Weise bedeuteten, wie die Menschen über das Rechnen dachten.“ 3

Schritt 4 (endlich!): Innovation

Wenn Erfindungen eine Idee praktisch nutzbar machen, was leistet dann überhaupt noch Innovation? Sie geht den entscheidenden Schritt: sie erzeugt Wandel. Echte Veränderung in der Welt und der Art, wie wir die Welt sehen.

Deswegen hat Innovation häufig nichts mit Technik zu tun – und manchmal auch gar nichts mit neuen Ideen. Innovation schafft keine neuen Ideen, sondern macht Ideen relevant. Das schafft sie zum Beispiel durch bessere Produktion und Distribution – und manchmal auch nur durch Marketing. „Werbung“ klingt wahrscheinlich nicht nach etwas, das du dir unter Innovation vorstellst, aber welchen Wert hat ein Produkt, das niemand nutzt? Es ist möglicherweise technisch bahnbrechend, innovativ ist es jedoch nicht.

Innovation braucht Zeit, Wissen und Dringlichkeit

Der Weg von der ersten Idee zur Innovation ist lang, häufig jahrzehntelang. Die Grundlagen der E-Mail wurden in den 1970er Jahren gelegt, die des Cloud-Computings in den 90ern (und bis heute sind erst ein Viertel der Arbeitsabläufe großer Unternehmen in die Cloud gewandert).

Sobald die physische Welt ins Spiel kommt, wird es noch komplexer. Das erste KI-gesteuerte Auto fuhr schon 1988 (!) über die Straßen 4. Die Forschung an der Kernfusion, auf der gerade so viele Hoffnungen ruhen, währt bereits seit hundert Jahren!

Neben solch ausdauernder Forschung ist Innovation noch von etwas Zweitem abhängig: Dringlichkeit. Erst wenn beides, Wissen und Dringlichkeit, zusammenkommt, entsteht Innovation. Manchmal steht die Dringlichkeit seit Ewigkeiten außer Frage (Beispiel: Therapien gegen Krebs), aber manchmal ist sie zum Zeitpunkt der Erfindung einfach nicht groß genug. Eines meiner Lieblingsbeispiele dafür ist diese Erfindung:

Dieses Bild aus dem Jahr 1924 zeigt das Schiff Baden-Baden, und was aussieht wie zwei große Litfaßsäulen, sind Flettner-Rotoren. Diese Erfindung von Anton Flettner nutzt den sogenannten Magnus-Effekt: Ein E-Motor dreht die Rotoren, und der Wind erzeugt einen Sog, der das Schiff nach vorn zieht. Flettner-Rotoren wirken wie Segel, nur zehnmal stärker. Das Verkaufsargument der Flettner-Rotoren war und ist es, Öl einzusparen. Über Jahrzehnte war dies bei keiner Reederei ein Nummer-Eins-Problem. Das hat sich geändert. Am 2. August 2008 lief in Kiel die E-Ship 1 vom Stapel, mit den zwei größten Flettner-Rotoren, die jemals gebaut wurden. Dem E-Ship 1 sind seitdem viele Schiffe gefolgt, die Flettner-Rotoren als kostenlosen „Booster“ nutzen.

Wir sollten Erfindungen nicht abtun, nur weil sie sich im ersten Versuch nicht durchgesetzt haben. Vielleicht war ihre Zeit einfach noch nicht reif und sie werden die Grundlage der nächsten, großen Innovation sein.

Innovation ist Wandel

Innovation holt das, was im Labor funktioniert, in die echte Welt und sorgt für Veränderung. Wer heute mehr Innovation will, sollte allerdings nicht im Labor suchen. Die meisten Technologien, die etwa die Klimatransformation der nächsten Jahrzehnte tragen werden, sind am Markt verfügbar, und das müssen sie auch sein. Alles andere (die lange Reise von Idee bis Innovation) würde viel zu lange dauern. Das heißt aber nicht, dass nichts mehr zu tun wäre. Im Gegenteil. Innovation ist Wandel. Und Wandel benötigt Zeit, Wissen und Dringlichkeit.


  1. Diese Mietshäuser wurden oft als Insulae bezeichnet, nur wenige dieser Häuser sind heute noch erhalten  ↩︎

  2. Das ist die Standarddefinition von „Kreativität“, siehe Was sind Ideen noch wert? ↩︎

  3. Aus dem Buch „The Dream Machine – J.c.r. Licklider and the Revolution That Made Computing Personal “. Zu den genannten Durchbräuchen gehörte die Nutzung eines binären Zahlensystems, gespeicherte Programme, zeitlich getaktete Rechenprozesse und natürlich die Erfindung von „Software“. ↩︎

  4. Es brauchte 35 Jahre weiterer Durchbrüche, Erfindungen und Gesetze bis die erste Stadt fahrerlose Taxis im großen Stil anbot. ↩︎


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