Marcel Mellor

SF-Autor und Digitalstratege

Warum manche Ideen so spät kommen

Victor Hugo sagte einmal: „Nichts ist stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“

Wenn das stimmt, dann hängen auffallend viele starke Ideen ihrer Zeit hinterher. Das sind die erfolgreichen Apps und Werkzeuge, die man sieht und sich sofort fragt: warum ist ist da keiner vorher drauf gekommen? Selbst viele Erfindungen der letzten Jahrhunderte waren – scheinbar – viel zu spät dran. Warum wurde das Fahrrad nicht bereits im Mittelalter erfunden? Warum entwickelten die alten Griechen aus Dampkraft nur Spielzeug, aber keine Dampfmaschinen?

Der Ökonom Alex Tabarrok nennt diese Erfindungen „ideas behind their time“. Hier kommen vier Gründe, warum es solche Ideen gibt.

Erfindungen sind oft komplexer als gedacht

Das Fahrrad erscheint uns sehr simpel, weil es nur durch Muskelkraft angetrieben wird. Es hätte also schon in der Antike erfunden werden können, wie alle Fortbewegungsmittel, die keinen Motor benötigen.

Aber der Schein trügt. Die Römer hätten ein Fahrrad niemals bauen kann. Das „Sicherheitsniederrad“ beruht auf Werkzeugen und Teilen, die sehr präzise und genau hergestellt werden müssen – das wurde erst in der Zeit der Industrialisierung möglich. Das moderne Kugellager, eines der wichtigsten Bauteile des Fahrrads, wurde Ende des 18. Jahrhunderts patentiert.

Zur Zeit seiner Erfindung wirkte das Fahrrad mindestens so futuristisch wie das Auto. Es inspirierte Science-Fiction-Autoren wie H.G. Wells, dessen Zeitmaschine große Ähnlichkeiten mit einem Fahrrad hat.

Auch die moderne Dampfmaschine – vor allen Dingen die Weiterentwicklung von James Watt – ist derart kompliziert, dass ich ein Dutzend Schaubilder studieren musste, um die ganze Funktionsweise zu verstehen (die landläufige Vorstellung, dass Dampf einen Kolben „nach oben drückt“, ist völlig daneben).

Für Erfinder ist diese Komplexität meist sichtbarer als für die späteren Nutzer. Das führt zum nächsten Punkt.

Erfindungen sind so komplex, dass wir sie nicht bedenken

Es gibt viele offensichtliche Probleme, die man angehen sollte – aber weil die Lösung derart komplex oder sogar unmöglich ist, blenden Entrepreneure sie automatisch aus. Der Investor Paul Graham nennt das „Schlep Blindness“. „Schlep“ ist das jiddische Wort für eine undankbare, kniffelige Aufgabe. Grahams Beispiel dafür ist Stripe, ein Startup, das es Software-Entwicklern erstmalig einfach machte, ein Bezahlsystem in ihre eigene Website einzubinden. Stripe macht heute jährlich 7 Milliarden Dollar Umsatz.

2009 kannte jeder Programmierer das Problem, das Stripe anging, aber niemand machte daraus ein Geschäft. Warum? Weil ebenso jedem klar war, dass ein Payment-Service jede Menge „Schlep“ mit sich brächte: Verträge mit Banken, endlose Gesetzestexte und Regulierungsbestimmungen, Missbrauchsbekämpfung. Also bauten die Startups dieser Zeit weiter Rezepte-Apps und Dating-Portale.

Die App satellite, an der ich arbeite, ist da ganz ähnlich. Die Idee ist simpel: die erste Handynummer, die man als App installiert. Damit aus dieser Idee Wirklichkeit wurde, waren jahrelange Rechtsstreitigkeiten und eine eigene Telefongesellschaft notwendig. Obendrein eine komplexe Technik. Das zusammen war der Grund, warum kein anderes Unternehmen die Idee von satellite verfolgte.

Erfindungen brauchen Inspiration

Gute Ideen entstehen durch unerwartete Verknüpfungen – das sind die Heuraka-Momente, auf denen Erfindungen beruhen. Und manche Erfindungen konnten erst entstehen, als es die richtige Inspiration dafür gab. Der Ökonom Tim Harford führt für diesen Effekt ein überraschendes Beispiel an: die Erfindung der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Um darauf zu kommen, dass es eine Art „gleichmäßigen Zufall“ gibt, mussten Mathematiker wahrscheinlich (haha) öfter mal gewürfelt haben. Mit richtigen Würfeln. Die gab es lange Zeit nicht. Die alten Römer spielten zum Beispiel mit Fingerknöcheln („Astragali“) und deren holpriges Verhalten erweckte sicher den Eindruck, das das Schicksal oder Gott oder sonst jemand mitwürfelte.

Heute hat der Startup-Pitch nach der Formel „wir sind das X für Y“ (z.B. „das Tinder für die Wohnungssuche“) einen zweifelhaften Ruf. Aber er funktioniert. Ideen und Erfindungen benötigen Inspiration – und sei es eine App, die die Wischgeste zum Markenzeichen gemacht hat.

Erfindungen brauchen Erfinder

Eine Milliarde Menschen bringen heute im Schnitt gut 6.000 Erfindungen pro Jahr zustande. Das ist deutlich mehr als vor zehntausend Jahren (da waren es rechnerisch 0,75 pro Milliarde und Jahr). Die Zahl der Erfindungen schnellte vor allem während der Industrialisierung nach oben – angetrieben wiederum durch eine Erfindung, deren Wirkung wir oft unterschätzen: Patente. William Rosen nennt Patente die „mächtigste Idee der Welt“. In seinem gleichnamigen Buch führt er die sogar die Industrielle Revolution auf die Erfindung von geistigem Eigentum und dem Patentsystem zurück.

Aber trotz der Schwemme von Erfindungen gilt noch immer: die meisten von uns sind keine Erfinder. Und werden es auch niemals sein. Schlicht und einfach, weil wir nicht motiviert genug sind, den Status Quo zu ändern. Oder weil es uns uns aufgrund unseres Geschlechts, unseres Elternhauses oder unserer Herkunft sehr, sehr schwer gemacht wird.

Es gibt also sicher noch viele Ideen, deren Zeit längst gekommen ist. Wir kennen sie nur noch nicht.