Eine lange Zeit steckte die Neurotechnologie in einer paradoxen Situation: sie steckte fest und das lag daran, dass sie schon so weit war. Ärzte können seit hundert Jahren die Gehirnaktivität mittels Elektroden auf der Kopfoberfläche auslesen, erste Gehirn-Computer-Schnittstellen wurden bereits in den 70ern eingeführt. Der benötigte, nächste Durchbruch lag nicht in neuer Hardware, aber weil dadurch auch keine Patente winkten, fehlte es an nötigen Investorengeldern.
Das hat sich geändert. Nach dem jüngsten Bericht der UNESCO haben sich die Investitionen im letzten Jahrzehnt verzwanzigfacht, auf inzwischen 33 Mrd. USD jährlich. Der Grund ist die steigende Rolle von Software. Die meisten neuen Patentanträge beziehen auf Algorithmen, und diese beruhen immer häufiger auf Künstlicher Intelligenz. Damit treffen sich die weichenstellende Forschungsfelder unsere Zeit zu einem Tête-à-Tête. Über KI sprechen alle – reden wir jetzt über Neurotechnologie.
Maschinen, die Gedanken lesen
Seit der Mitte des letzten Jahrhunderts kartografieren Ärzte die Aktivität von Gehirnen und versuchen daraus, Krankheitsbilder abzuleiten. Hirnimplantate, die dies automatisiert machen, dienen Patienten als Frühwarnsystem. Das australische Start-up Neurovista entwickelte zum Beispiel schon 2010 ein Gehirnimplantat, das Anzeichen für einen epileptischen Anfall erkennt und seinen Träger warnt, sodass dieser entsprechende Medikamente nehmen kann.
Aber auch bewusste Gedanken lassen sich auslesen. Zahlreiche Neuroprodukte ermöglichen es gelähmten Menschen, elektrische Prothesen per Gedankenübertragung zu unterstützen. „Gedankenlesen“ können solche Implantate natürlich nicht. Stattdessen sind sie im Motorkortex angebracht und fangen Signale ab, die eigentlich eine Bewegung des Körpers erzeugen sollen.
Wollen Neurotechniker Menschen helfen, die aufgrund einer Verletzung oder Krankheit nicht mehr sprechen können, müssen sie Umwege gehen. Der älteste und rudimentärste Trick nutzt ebenfalls den Motorkortex. Der Benutzer der Gehirn-Schnittstelle muss sich bestimmte körperliche Aktionen vorstellen, um Wörter zu formulieren – einen Cursor steuern oder in Gedanken mit einem Stift schreiben. Im Labor kamen Probanden mit dieser Technik auf 18 Wörter pro Minute .
Der anspruchsvollste und neuste Ansatz entschlüsselt die Absicht, zu sprechen. Das ist deswegen eine Herausforderung, weil ein einziges Wort das Zusammenspiel Dutzender Muskeln verlangt. Herkömmliche Methoden versagen bei diesem Gewitter an Signalen, doch KI-unterstützte Algorithmen schaffen es in ersten Experimenten. 1
Ein Upgrade für die Persönlichkeit
Elektroden können elektronische Impulse nicht nur auslesen, sondern sie auch in bestimmte Regionen des Gehirns aussenden. Die „Tiefe Hirnstimulation“ – auch „Hirnschrittmacher“ genannt – kann so Symptome der Parkinson-Krankheit und anderer neurologischen Bewegungsstörungen lindern. In Deutschland kommt sie ungefähr 300 Mal pro Jahr zum Einsatz.
Die Behandlung weiterer Krankheiten, vor allen Dingen Depressionen und Zwangsstörungen, ist im experimentellen Stadium. Wenn es hier einen Durchbruch gibt, trifft die Technologie erstmalig auf einen Massenmarkt – jeder zweite Mensch wird mindestens einmal Leben unter einer psychischen Krankheit leiden[^9].
Und auch gesunden Menschen könnte ein Hirnschrittmacher helfen. Erste Studien zeigen, dass sie das Arbeitsgedächtnis älterer Menschen verbessern können und spätestens damit ist die Grenze zum „Neuro-Enhancement“ erreicht. Vielleicht ist Hirnstimulation eines Tages der Schlüssel zu Superkräften, vom übermenschlichen Sehen bis zu besondere Sprachfähigkeiten.
Pikant an der ganzen Sache ist, dass Hirnschrittmacher zwar inzwischen eine weltweit zugelassene Therapiemöglichkeit sind, aber trotzdem niemand versteht, wie genau sie funktionieren. Erst recht nicht, wie bestimmte Nebenwirkungen entstehen. Kürzlich erhielt ein 59-jähriger Niederländer , der unter einer Zwangsstörung litt, eine Sonde im Vorderhirn, und die Therapie schlug nach einiger Zeit an. Doch im Gegenzug entwickelte der Mann plötzlich eine überschwängliche Vorliebe für Musik von Jonny Cash. Sobald der Akku leer war oder Neurologen das Gerät ausstellten, verpuffte der besondere Musikgeschmack, mit dem Einschalten kehrte er zurück. Solch ein Seiteneffekt einer Therapie ist noch vergleichsweise harmlos, doch er zeigt, dass Neurotechniker, so weit sie auch sind, im Trial-and-Error-Verfahren an unserer Persönlichkeit herumdoktern.
Kurzgeschichte zum Thema
Die Recherchen für diesen Essay waren Grundlage meiner SF-Geschichte „Der innere Kreis“. Usprünglich im ‘ct-Magazin 14/24 erschienen gibt es sie jetzt gratis für meine Newsletter-Abonnenten.
Warum wir Neurorechte benötigen
Hirnimplantate verändern das Leben ihrer Nutzer, teilweise auf grundlegende Art und Weise. Rita Legget, die ihre Epilepsie durch das Implantat von NeuroVista in den Griff bekam, sagte später , das Gerät habe hier ein „neues Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl gegeben". Mehr noch, das Gerät wurde für sie ein Konstante „wie die Zeit selbst“, ein Teil ihrer Person und Persönlichkeit.
Dann aber passierte NeuroVista etwas, das bei Start-ups häufig geschieht: die Investoren blieben aus. Die plötzlich bankrotte Firma konnte die vermieteten Geräte nicht länger betreuen. Rita Legget versuchte mit allen Mitteln, das Implantat zu behalten, wollte sogar ihr Haus verkaufen – vergeblich. Schließlich wurde ihr das Implantat entfernt, gegen ihren ausdrücklichen Willen. Seitdem ist sie nicht nur wieder ihrer Krankheit ausgesetzt, Rita Legget fühlt sich auch nicht mehr als diejenige, die sie vor der Entfernung des Geräts gewesen war. Man hat einen Teil ihrer Persönlichkeit aus ihrer herausoperiert.
Der Fall Leggets hat Forscher und Ethiker aufhorchen lassen, unter anderem den deutschen Neurologen Marcello Ienca. Er entwickelte mit seinem Kollegen eine neue Gruppe der Menschenrechte, die Neurorechte: Jeder Mensch sollte selbst darüber entscheiden können, was mit seinem Gehirn geschieht. Unter anderem die UNESCO ist einer der großen Fürsprecher dieses Konzepts.
Wie weit gehen wir?
Neurotechnologie kann schon jetzt Dinge erreichen, die Forscher zu Recht mit biblischen Wundern vergleichen: Stumme können wieder sprechen, Gelähmte wieder laufen. Die Grenze zwischen Therapie und „Enhancement“ verläuft dabei fließend und in Experimenten haben wir sie längst überschritten.
Wie weit sollten wir gehen? Ab welchem Punkt überschreiten wir die Grenzen, die uns Natur, Vernunft oder Gott aufgeben 2? Diese Fragen beschäftigt schon jetzt viele Neuroethiker. In meiner Kurzgeschichte „Der innere Kreis “ ergänze ich sie um eine weitere Frage: wenn Technik uns eines Tages Superkräfte verleihen kann, welche Menschen sollten darauf Zugriff erhalten? Die besonders fähigen und talentierten? Alle? Niemand?
Vielleicht müssen wir darauf schneller eine Antwort finden als uns lieb ist.
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Machines Lernen kommt in zwei Stufen zum Einsatz. Zunächst übersetzt der Decoder Signale vom Gehirn in beabsichtigte Bewegungen der Muskeln im Stimmtrakt, dann übersetzt er diese Bewegungen in Sprache oder Text (Quelle ). ↩︎
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In Umfragen sind religiöse Menschen am skeptischsten gegenüber Neurotechnologie. ↩︎
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