Business & Strategy

Wie du gute Business-Entscheidungen triffst


Artikel teilen

Sehnst du dir einen Entscheider herbei? Willkommen im Club! Gerade im innovativen Umfeld fehlen oft die Vorbilder für wichtige Entscheidungen. Doch es gibt bewährte Strategien, die dir helfen, auch unter großer Unsicherheit kluge Entscheidungen zu treffen.

Neue Mitarbeiter bei sipgate bekommen eine „Betriebsanleitung“ zu lesen, die die spezielle Arbeitsweise des Unternehmens erklärt. Besonders ein Satz dieses langen, lesenswerten Textes geistert mir häufig durch den Kopf: „Es wird Momente geben, in denen du dir einen Entscheider herbeisehnst.“

Ich verspüre diesen Wunsch regelmäßig. Wer im innovativen Umfeld arbeitet, hat für seine Entscheidungen oft wenig Vorbilder: Man arbeitet mit Technologien, die gerade erst erfunden sind, Zielgruppen, die noch niemand versteht, Problemen, die vielleicht nur ausgedacht sind. Wie kannst du angesichts dieser Unsicherheit sinnvolle Entscheidungen treffen? Hier kommen sechs Strategien.

1) Das Problem gut verstehen

In einem geheimen, firmeninternen Schulungsprogramm vermittelt das Unternehmen Apple seinen Mitarbeitern den typischen Apple-Ansatz. Zum Kurs gehört Pablo Picassos Werk „Der Stier“. Der Künstler drang in elf Lithografien immer mehr zum Wesen eines Stiers vor, bis nur noch eine kurvige Strichfigur übrig blieb – die aber unverkennbar ein Stier ist. Alle Apple-Produkte folgen dieser Philosophie. Deswegen ist die Apple-TV-Fernbedienung ein dünnes Stück Metall mit drei Funktionstasten, nicht ein mit Knöpfen übersäter Plastikklumpen.

Wer gute Entscheidungen treffen möchte, muss genau wie Apple die Fassade eines Problems einreißen und zum Kern vordringen. Eine praktische Möglichkeit hierfür ist die vom Toyota-Gründer Sakichi Toyoda entwickelte Five-Why-Methode. Nachdem man ein Problem erkannt hat, stellt man wiederholt die Frage „Warum?“ – typischerweise fünfmal, daher der Name. Am Ende landet man bei der fundamentalen Ursache.

Sei darauf gefasst, dass das neu erkannte Problem nicht das ist, was du eigentlich lösen wolltest (oder solltest). Aber genau das macht kluge Entscheidungen aus: sie attackieren die eigentliche Ursache, nicht nur ein Symptom davon.

2) Aus mehreren Optionen wählen

Wer sich für etwas entscheidet, entscheidet sich gleichzeitig gegen etwas. Überraschenderweise vergessen wir das häufig, besonders wenn wir andere zu überzeugen versuchen. In überlangen Power-Point-Präsentationen leiten wir unsere Entscheidung her, untermauern sie mit Datenpunkten und Studien – als würde es ausreichen, dass unsere Lösung sehr, sehr gut ist. Dabei muss sie besser sein als alle anderen Optionen.

Der erste, hilfreiche Schritt ist deswegen aufzuschreiben, gegen welche Alternativen man sich entscheidet und warum. Du musst diese Alternativen genauso gut verstehen wie den letztendlichen Gewinner.

3) Verschiedene Perspektiven einnehmen

Wenn kluge Entscheidungen auf guten Optionen beruhen, denn beruhen gute Optionen auf möglichst verschiedenen Perspektiven.

Es hilft schon sehr, wenn du ein Problem, symbolisch gesprochen, aus verschiedenen Richtungen anschaust. Die Six Thinking Hats- Methode von Edward de Bono zwingt einen förmlich dazu, eine bestimmte Sichtweise einzunehmen (z. B. die faktentreue Sicht oder eine, die überoptimistisch ist).

Noch besser ist es, wenn man Perspektiven nicht künstlich erzeugt, sondern Menschen hinzuholt, die sie von Natur aus einnehmen. Suche dir doch für deine nächste Entscheidung Kollegen, die auf das Problem, den Markt und die technische Entwicklung eine Sicht haben, die du nicht hast. Hilfreich sind auch Personen außerhalb deines Unternehmens – Kunden, Partner und Berater. Je breiter das Spektrum, desto besser die Entscheidung.

4) Den richtigen Zeitpunkt wählen

Hinausgeschobene Entscheidungen haben einen schlechten Ruf. Sie blockieren die Firma („Die da oben sollen sich mal entscheiden!“) und wirken planlos. Interessanterweise lautet jedoch ein Prinzip der japanischen Lean-Philosophie: „Entscheide so spät wie möglich“. Der Gedanke dahinter ist, dass sich die Umstände noch dreimal ändern können, bis eine Entscheidung wirklich notwendig ist. Außerdem kann man die gewonnene Zeit nutzen, um mehr Daten zu sammeln – die Entscheidung ist dann informierter.

Auf der anderen Seite gibt es Entscheidungen, die man auch durch Nachdenken und Datensammeln nicht besser machen wird. Man muss sie einfach treffen und schauen, was passiert. Das trifft erst recht zu, wenn man sich im Chaos-Modus befindet – die Maschinen sind ausgefallen, alle Experten im Urlaub und gleich kommt die Presse für eine Fotostory. In diesem Fall zählt vor allem, dass sich das Schiff bewegt, sonst kann man es nicht steuern.

Wichtige Entscheidungen zu überstürzen ist meistens keine gute Idee, aber das ist auch selten notwendig. Meine Erfahrung deckt sich mit der von Dwight Eisenhower: „Was wichtig ist, ist selten dringend und was dringend ist, ist selten wichtig.“ 1

5) Keine Beweise suchen

Wer eine echte Entscheidung trifft, kann im Vorhinein unmöglich sagen, welche Optionen zum gewünschten Ergebnis führen. Deswegen gibt es keine „falschen Entscheidungen“. Das hieße ja, dass man das Ergebnis ausrechnen könnte. Wenn das wirklich so wäre, müsste man nicht entscheiden. Sondern rechnen.

Doch kluge Entscheidungen sind keine Mathematik. Bauchgefühl, Vorlieben und die eigenen Stärken sind wichtige Argumente. Und anders als ein mathematischer Beweis, der für alle Zeit wahr ist, können Entscheidungen veralten. Was vor einem Jahr eine sinnvolle Entscheidung war, ist es heute vielleicht nicht mehr.

Du argumentierst bei einer Entscheidungsfindung ausschließlich mit Zahlen und Fakten, um zu „richtigen“ Lösungen zu gelangen? Das ist höchstwahrscheinlich der falsche Ansatz.

6) Konsequent verfolgen

Wenn du eine Entscheidung getroffen hast, dann setze sie auch um, und zwar konsequent. Ausgerechnet die sogenannten „Entscheider“ eines Unternehmens haben damit häufig das größte Problem. Der Strategie-Berater Roger L. Martin resümierte nach 40 Jahren in der Wirtschaft, „dass die meisten Führungskräfte nicht gerne Entscheidungen treffen. Sie halten sich lieber alle Optionen offen.“

Der Grund für diese Verzögeritis ist natürlich die Angst davor, dass die Dinge nicht so verlaufen wie gewünscht. Dabei wäre es doch wertvoll, wenn genau das passierte, schnell und eindeutig! Alle hätten etwas gelernt. Stattdessen wird das Ringen um die richtige Lösung zu einer jahrelangen Hängepartie, nach deren Ende immer noch keiner weiß, welchen Weg man konsequent verfolgen sollte.

Stehe also zu deiner Entscheidung. Zögern bringt keine Klarheit.

Entscheidungen bedeuten Freiheit

„Wir haben die Wahl, wer wir werden möchten, wenn wir über prinzipiell unentscheidbare Fragen entschieden haben“, stellte der Philosoph Heinz von Foerster einmal fest. Entscheidungen bedeuten Freiheit, aber dafür darf man sie nicht mit Mathematik verwechseln. Wenn du verinnerlicht hast, dass es im innovativen, höchst unsicheren Umfeld nicht um „richtig“ oder „wahr“ geht, sondern um sinnvoll und plausibel, dann werden dir Entscheidungen leichter von der Hand gehen.


  1. Wichtig heißt nicht „potentiell wichtig“. Aktuelle, existierende Probleme sollten über solche gewinnen, die vage und in der Zukunft liegen. ↩︎


Kommentare

Lädt...