Zwei Fragen, zwei leichte Antworten.

Szene 1: Supermarkt. Würdest du diese Tomaten kaufen?

Szene 2: Schwarzwald (da mache ich gerade Urlaub).

Natur und Landwirtschaft haben sich nahtlos miteinander verbunden. Beim Spaziergang zwischen Äckern und Streuobstwiesen kommen wir an kleinen Ständen vorbei, an denen wir uns mit Gemüse und Eiern versorgen können. Auf dem Rückweg begegnen wir einem Apfelbauern beim Pflücken, jeder von uns bekommt einen grünen Apfel in die Hand. Idylle statt Agrarindustrie - sollte es nicht überall auf der Welt so sein?

Zwei Fragen, zwei leichte Antworten. Aber nur auf den ersten Blick. Während meines Urlaubs hier im Schwarzwald lese ich “The Wizard and the Prophet”, ein Buch über die zwei gegensätzlichsten und wichtigsten Bewegungen unserer Zeit: Moderne Landwirtschaft und die Umweltbewegung. Besonders dieses Bild ist bei mir hängen geblieben:

Quelle: Rockefeller Archive Center

Der Mann, der da so glücklich in die Kamera schaut, ist Norman Borlaugh. Er steht inmitten seiner geglückten, neuen Weizenzüchtung. Richtig gelesen, die neue Züchtung ist die kleinere Variante: Zwergweizen, unempfindlich gegenüber Wind, siebenmal ertragreicher als traditioneller Weizen und resistent gegenüber Pflanzenschädlingen, die früher ganze Ernten vernichteten. Durch seine Züchtungen rettete Borlaugh eine Milliarde Menschen (!) vor dem Hungertod. 1970 bekam er dafür den Friedensnobelpreis. Heute kennt ihn nahezu keiner.

Hätte Borlaugh gekonnt, er wäre direkt an die Gene seines Weizens gegangen. Doch in den 50ern war die Gentechnik nicht mal in den Kinderschuhen - Forscher entschlüsselten gerade erst die DNA. So musste Borlaugh den gleichen Weg gehen wie schon Generationen vor ihm: Kreuzung und Züchtung. Borlaugh führte gleichzeitig abertausende von Experimenten auf Versuchsfeldern durch; auf dem Weg zum Zwergweizen war jede Menge Glück im Spiel.

Deine Meinung ist gefragt

Borlaugh’s Nachfolger sagen, dass wir genau das noch einmal tun müssen: Wir müssen die Natur hacken. Wieder müssen wir eine Milliarde vor dem Hungertod bewahren, wieder müssen wir die Ernten vervielfachen. Streuobstwiesen und Bauernläden? Damit bekommen wir zehn Milliarden Menschen nicht ernährt. Auch traditionelle Züchtung und Kreuzung reichen diesmal nicht.

Du und ich, wir brauchen eine Meinung zu diesem Thema - und dass genmanipulierte Tomaten uns Angst machen, reicht wahrscheinlich nicht als Argument. In Deutschland sind wir in einer luxuriösen Lage - jeder von uns könnte ausschließlich Biolebensmittel essen, wenn wir das wollten. Ein schlechtes Erntejahr? Dann ist das Brot halt ein paar Cent teurer.

Für viele Menschen sieht die Realität anders aus und sie schauen darauf, was wir tun. Wie Charles C. Mann in “Wizard & Prophet” argumentiert, werden “arme Länder kaum eine Innovation annehmen, die von ihren reichen Nachbarn abgelehnt wurde”. Entscheidungen der EU (z.B. das Urteil zum Crispr-Verfahren) haben also Auswirkungen auf die ganze (zukünftige) Welt. Und unsere Entscheidung darüber, was wir essen, ist am Ende eine moralische. Die trifft man nicht aus dem Bauch heraus.

Fest steht: Wirklich “natürlich” sind wenige unserer Lebensmittel - Borlaughs Weizen ist überall, die meisten Obstsorten sind jahrhundertealte Kunstprodukte und die Landschaft des Schwarzwalds ist hauptsächlich menschgemacht.

Und Gentechnik? Vor der können wir nicht davonlaufen - wollen wir auch gar nicht. Wusstest du zum Beispiel, dass ein Drittel der neuen Arzneimittel in Deutschland durch Gentechnik entstehen? Über Gentechnik in der Medikamentenherstellung hat sich nie jemand beschwert. Das liegt wohl daran, dass unser persönliches Risiko und der greifbare Vorteil in einem anderen Verhältnis liegen als bei der Gen-Tomate.

Ich persönlich habe noch keinen Standpunkt in diesem komplexen Thema gefunden. Ich sammle noch Argumente. Und das ist vielleicht gar kein schlechter Standpunkt.

Guten Appetit!