Fakten oder Ideologie? Wenn man Stammtischen und Debatten glaubt, sind das die beiden Optionen, die für unsere Entscheidungen zur Wahl stehen. Und Ideologie ist, wie der Philosoph Paul Ricoeur schon vor Jahren beobachtete, „immer der Gedanke des anderen“. Der politische Gegner denkt vielleicht, er halte sich an die objektive Wahrheit, doch tatsächlich ist er einer Ideologie aufgesessen.
Interessant an diesem Paradoxon ist, dass die Erfinder der Ideologie genau das Gegenteil bezweckten. Die französischen Philosophen des 18. Jahrhunderts wollten unter dem Begriff idéologie politische Ideen sammeln und neutral untersuchen. Ein Werkzeugkoffer voller Ideen – schon Napoleon machte sich über diesen Versuch lustig 1.
Wenn Ideologien doch so problematisch sind, warum schaffen wir sie dann nicht ab? Weil wir sie zwingend benötigen. Nicht nur um die Welt zu begreifen – sondern auch, um sie zu verändern.
Eine Karte der Wirklichkeit
Unter den verschiedenen Definitionen von Ideologien finde ich die des Anthropologen Clifford Geertz am hilfreichsten: Ideologien sind Landkarten. Das ist deswegen ein passendes Bild, weil Landkarten nicht den Anspruch auf vollumfängliche Wahrheit haben, im Gegenteil. Kartografen treffen bewusste Entscheidungen darüber, was sie abbilden und was nicht, sie nutzen Verzerrungen, blinde Flecken und künstliche Konstruktionen (z. B. Ländergrenzen). Täten sie es nicht, wäre die Karte nicht hilfreich. Unterschiedlichste Karten für das gleiche Stückchen Land können gleichzeitig wahr sein.
Ideologien funktionieren ähnlich. Sie machen Sinn aus einer Welt, die zu komplex ist, als dass man richtige Lösungen einfach „ausrechnen“ könnte. Unterschiedlichste Perspektiven auf ein und dieselbe Sache sind deswegen möglich – und wertvoll!
So können sich Menschen aus ganz unterschiedlichen Gründen für eine fleischfreie Ernährung entscheiden (gesünder leben, Tierleid verhindern, den Planeten schützen) und häufig müssen sie sich „Gegenargumente“ anhören, die nichts mit ihrer Entscheidung zu tun haben. Auch Klimaschutz kann gleichzeitig Investition, Problem und Notwendigkeit sein, je nach Blickwinkel.
Problematisch wird es, wenn wir eine bestimmte Sichtweise mit der Norm verwechseln. Aus der Ideologie wird dann eine „Idee, die von den Akteuren als absolute Wahrheit dargestellt wird“ (Agnes Heller), die Betroffenen sind „verloren in ihrer Ideologie“ 2.
Könnte dir nicht passieren? Dann bedenke, dass auch der Kapitalismus kein Naturgesetz ist. Genauso wenig wie das humanistische Weltbild, also die Heiligung von Leben, Glück und Macht des Homo sapiens. Beide Weltbilder sind irgendwann erfunden worden, und das vor nicht allzu langer Zeit. Selbst die Ansicht, es gäbe auf praktische Fragen („lassen wir dieses Atomkraftwerk weiterlaufen?“) eine „ideologiefreie“ Antwort, folgt einer bestimmten Ideologie.
Wenn Ideologien alles und nichts sind, was bringen sie uns dann? Eine ganze Menge.
Perspektiven verändern die Welt
Die meisten bahnbrechenden Ideen entstanden, weil jemand die Welt aus einem anderen Blickwinkel betrachtete – und dadurch etwas sah, was niemand sonst erkennen konnte.
Eine Anekdote, die mich in diesem Zusammenhang immer wieder beeindruckt, ist die Entschlüsselung der Hieroglyphen durch Jean-François Champollion. Beginnend mit der römischen Herrschaft über Ägypten war die Bedeutung der Hieroglyphen verloren gegangen. Als gesichert galt zumindest, dass sie eine „Bilderschrift“ war, also dass jedes der rätselhaften Zeichen für ein bestimmtes, ägyptisches Wort stand. Diese Vermutung war einerseits intuitiv richtig – wofür sollten die Zeichen sonst stehen? – und sie folgte auch einer bestimmten Ideologie. Ägypten galt als der Ursprung mystischer Weisheit. Die Hieroglyphen mussten also für geheimnisvolle Ideen und spirituelle Konzepte stehen.
Mit diesem einzigen Anhaltspunkt hatten sich seit Platon (über zweitausend Jahre lang!) unzählige Gelehrte die Zähne an der Entschlüsselung der Symbole ausgebissen. Ohne Erfolg. Auch der Stein von Rosetta, der denselben Text in griechischen Schriftzeichen und Hieroglyphen gegenüberstelle, änderte daran nichts.
Als sich Champollion an die Arbeit machte, begann er mit mit etwas, das Generationen von Gelehrten seltsamerweise nie getan hatte: Er zählte die Hieroglyphen und verglich sie mit den griechischen Wörtern. 1419 Hieroglyphen standen 86 griechischen Wörter gegenüber. Diese enorme Diskrepanz ließ ihn stutzen. Wie konnten so viele Zeichen für so wenige Wörter stehen? Champollion kam unweigerlich zu dem Schluss, dass die Hieroglyphen zwar zum Teil wie Symbole funktionierten, aber teilweise auch wie Buchstaben. Die Zeichen standen für Laute! Diese neue Perspektive änderte alles und ließ Champollion die Hieroglyphen in kurzer Zeit entschlüsseln.
Die Geschichte der großen Entdeckungen und Innovationen ist voll solcher Beispiele. Das Fließband war weniger ein technischer Fortschritt als eine radikal neue Sicht auf Arbeit und Effizienz 3. Darwins Evolutionstheorie beruhte auf einem neuen Verständnis von Zufall und Wahrscheinlichkeiten 4.
Wenn wir Neues anstoßen wollen, müssen wir zuerst unsere Perspektive hinterfragen. Wie kannst du diese Erkenntnis in der Praxis anwenden?
Hinterfrage deine Ideologien
Auf dem Weg zu mehr Innovation verfolgt dein Unternehmen ganz bestimmte Ansätze, und dahinter stecken wiederum verschiedene Ideologien. Die agile Softwareentwicklung fußt beispielsweise auf Zusammenarbeit, Transparenz und Empirismus und sieht als sich Bezwinger der „Wasserfall-Entwicklung“ – ein Begriff, den sich die Bewegung selbst ausgedacht hat 5. Auch die Art und Weise, wie in deinem Unternehmen Mitarbeiter geführt werden, basiert auf einem bestimmten Menschenbild und einer Idee davon, wie Großes entsteht.
Viele dieser Prinzipien sind in die Kultur eines Unternehmens eingebacken. Trotzdem werden deine direkten Kollegen mit unterschiedlichsten Denkmodellen durch die Welt gehen – und das ist eine große Chance. Entwickler schauen anders auf ein Problem als Designer, Theoretiker arbeiten anders als diejenigen, die eine Technologie täglich benutzen. Diese unterschiedlichen Perspektiven ermöglichen es, neue Zusammenhänge zu sehen. Und nur dadurch entsteht echte Veränderung.
Welche Annahmen über die Welt triffst du, wenn du an neuen Ideen arbeitest? Und welche davon könntest testweise über den Haufen werfen?
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Angeblich bezeichnete er Ideologien als „soziale Romanzen“ ↩︎
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Diese Wendung gebraucht der Philosoph Jason Blakely in seinem lesenswerten Essay zum Thema ↩︎
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Aus einem hörenswerten Vortrag von Jürgen Geuter ↩︎
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Diesen Zusammenhang greift Stephen Jay Gould in seinen Essays immer wieder auf . ↩︎
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Solche Strohmann-Argumente sind ein typisches Signal für Ideologien. ↩︎
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