Marcel Mellor

SF-Autor und Digitalstratege

Gadgets

Heute vor 222 Jahren erhielt der Franzose Philippe Lebon ein Patent für eine der wichtigsten Erfindungen des 19. Jahrhunderts: die Thermolampe. Diese Lampe – später einfach Gaslampe genannt – erhellte viele Jahrzehnte lang Europas Straßen, teilweise bis heute. Mit ihr begann die Ära der künstlichen Beleuchtung.

Lebon bekam von diesem Siegeszug nichts mehr mit, er starb schon mit 37 Jahren. Neben diesem typischen Klischee („der verkannte Erfinder“) fügt sich die die Thermolampe aber noch in ein anderes Muster. Dieses Muster eint beinahe alle großen Innovationen des 19. Jahrhunderts und mir ist es erst kürzlich klargeworden: Die großen Erfindungen begannen alle als Gadgets. Als Spielereien oder Zirkusattraktionen ohne erkennbaren Nutzen.

Ein paar Beispiele:

  • Der Erfinder der Dampflokomotive, Richard Trevithick, ließ in seinem „Dampfzirkus“ eine Lokomotive gegen ein Eintrittsgeld im Kreis herumfahren.
  • Das Kino – genau wie später der Tonfilm – war zunächst eine Jahrmarktattraktion, keine ernstzunehmende Kunstform.
  • Elektrische Straßenbahnen waren zunächst ein Fahrgeschäft auf Elektromessen – obendrein eines, das eher langweilig war
  • Die oben erwähnte Gaslampe stellte Lebon ebenfalls gegen Eintritt zur Schau, als Installation in seinem eigenen Haus.

Wir können heute vergleichbares beobachten. Apps und Services, die zunächst wie Spielerei wirken, krempeln wenig später ganze Branchen um. „Consumerization“ sorgt dafür, dass die Grenzen zwischen privater und geschäftlicher Nutzung immer mehr verschwimmen.

Das heißt natürlich nicht, dass jede nutzlos wirkende Technologie irgendwann auch nützlich wird. Virtual Reality ist zum Beispiel kurz davor durchzustarten – seit Jahren. Wired ätzte neulich: „VR ist ein bisschen wie das reiche weiße Kind berühmter Eltern: es hört nie auf, nach oben zu fallen, wird immer großzügig benotet, auf der Grundlage des Potenzials und nicht der Ergebnisse."

Ich persönliche habe eine Schwäche für Gadgets und technische Spielereien. Und die meisten werden genau das blieben: Spielereien. Aber vielleicht steckt in meiner Sammlung auch die nächste Thermolampe, wer weiß?

Bildnachweis: Rico Shen, 2007Computex e21Forum-MartinCooper, CC BY-SA 3.0