Kann KI die Mitarbeiter meines Unternehmens produktiver machen? Auch über zwei Jahre nach dem Release von ChatGPT haben viele Geschäftsführer auf diese Frage keine Antwort. Abgesehen von den Tech-Giganten, die den Börsenwert pro Mitarbeiter tatsächlich steigern konnten (und nun Hunderttausende von ihnen entlassen wollen), hat sich in der Produktivität ganz normaler Unternehmen wenig geändert. Und das, obwohl 77 % der Mitarbeiter angeben, dass neue KI-Werkzeuge ihre Arbeitsbelastung erhöht statt verringert haben.
Das Ergebnis ist also äußerst paradox: Unternehmen pumpen Geld in Künstliche Intelligenz, die Mitarbeiter erledigen mehr Aufgaben – doch die Produktivität steigt nicht. Wie kann das sein? Vieles spricht dafür, dass wir am falschen Ende optimieren, weil wir verkennen, was Produktivität in der Wissensarbeit eigentlich bedeutet.
Decide, Delegate, Do
Wer produktiver werden möchte, hat drei Optionen:
- Besser entscheiden: Wir unterscheiden gezielter zwischen Aufgaben, die wichtig sind und solchen, die wir zumindest für den Moment ignorieren können.
- Mehr abgeben: Wir übertragen Aufgaben an andere – seien es Menschen oder Maschinen.
- Mehr schaffen: Wir optimieren unsere Arbeitsweise und erledigen Aufgaben schneller oder besser.
Wenn das die 3 D’s der Produktivität sind (Decide, Do, Delegate), dann konzentrieren sich die meisten Menschen nur auf die letzten beiden D’s. Die Arbeit muss gemacht werden und entweder wir geben sie ab oder wir erledigen sie eben schneller. Diese Denkweise stammt aus einer Zeit, als Arbeit aus Projekten bestand, die einerseits nicht verhandelbar waren und andererseits ein definiertes Ende hatten. Felder mussten gepflügt, Kühe gemolken, Maschinen repariert werden – jeder konnte sehen, dass diese Arbeit notwendig war und auch, wann sie abgeschlossen war.
Die heutige Arbeitswelt funktioniert anders. Häufig gibt es keine klare Abgrenzung zwischen „fertig“ und „unfertig“, und manche Arbeiten sind von Natur aus niemals abgeschlossen. Ein Unternehmen kann zum Beispiel unendlich viel Zeit in seine Social-Media-Posts stecken oder seine Hotline 24 Stunden am Tag hochverfügbar halten – „fertig“ werden diese Projekte dadurch nicht. In der Folge entscheiden sich Wissensarbeiter mehrere Dutzende Male am Tag, was jetzt gerade wichtig ist. Bearbeite ich lieber E-Mails oder rufe ich einen wichtigen Kunden an? Setze ich mich an das überfällige Strategiepapier oder bereite ich das morgige Meeting vor? Wissensarbeit besteht zum Großteil aus Entscheidungen.
Vorfiltern führt zu besseren Ergebnissen
Der wichtige Stellenwert von Entscheidungen entspricht der natürlichen Funktionsweise unseres Gehirns. Unsere Sinnesorgane können Informationen mit einer Rate von etwa 125 MB (1 Milliarde Bits) pro Sekunde aufnehmen. Wie viel davon kommt in unserem bewussten Denken an? Das wollten Caltech-Forscher neulich auch wissen, und sie kamen in ihrem Experiment zu einem sehr irritierenden Ergebnis. Von dem hochaufgelösten Datenmaterial, das auf das menschliche Gehirn einströmt, verarbeitet es nur etwa 10 Bits pro Sekunde. 10 Bits! Die Autoren verglichen das mit einem Menschen, der versucht, das Wasser zu trinken, das pro Sekunden durch die Turbinen des Hoover-Staudamms fließt.
Der Grund für die extreme Filterung unseres Gehirns ist den Forschern nicht ganz klar, aber offensichtlich besteht die Genialität des Gehirns nicht im eigentlichen Denken, sondern darin, wie es Sinneseindrücke und Aufgaben priorisiert. Und genau diese Fähigkeit kann KI weiter verstärken.
Das Berliner Start-up Vara unterstützt zum Beispiel Radiologen bei der Untersuchung von Mammografien. Nun ist Künstliche Intelligenz gar nicht besonders gut darin, Brustkrebs nur anhand eines einzigen Bildes zu erkennen. Sie kann ihn aber hervorragend ausschließen. Wenn die KI also entwarnt, können die Radiologen schneller zum nächsten Fall gehen (in Deutschland sind sie verpflichtet, trotzdem jedes Mammogramm anzuschauen). Man sollte meinen, diese kleine Unterstützung würde nur dazu führen, dass die Radiologen früher Feierabend haben, aber tatsächlich übersehen sie dadurch weniger Fälle von Brustkrebs.
Eine ähnliche Art von Zusammenarbeit konnten MIT-Forscher in einem großen Labor für Materialforschung beobachten. Ein KI-gestütztes Werkzeug beschleunigte die Arbeit der Laboranten und sorgte für mehr Patente und Prototypen – nicht weil die KI auf fertige Ideen kam, sondern weil sie aus der Masse der Möglichkeiten die vielversprechendsten heraussuchte.
Wie genau machte KI die Materialforscher und Radiologen wirklich produktiver? Zunächst einmal arbeitete sie mit echten Experten zusammen. Die MIT-Studie stellte fest, dass der KI-Algorithmus längst nicht allen Mitarbeitern des Labors weiterhalf, sondern nur denen mit jahrelanger Erfahrung und gutem Urteilsvermögen. Die anderen waren bei ihrer Auswahl der Vorschläge nicht besser als der Zufall.
Den wahren Experten schenkte die KI etwas Unersetzliches: Zeit. Müdigkeit und Überlastung wirken sich bei Radiologen nachweislich darauf aus, wie gut sie Tumore erkennen, und von diesem Effekt sind nicht nur Radiologen betroffen. Jede Entscheidung ist ein kleiner Kraftakt, der unser Gehirn messbar Energie kostet. Im Laufe eines Tages führt das zu zur sogenannten Decision Fatigue: Je mehr Entscheidungen wir treffen müssen, desto mehr erschöpft sich unsere Fähigkeit zu guten Entscheidungen.
Es sollte klar sein, dass die einfachen Entscheidungen nicht immer die besseren sind.
Wissensarbeit braucht Raum
Neu ist das alles nicht. Seit Jahrhunderten wissen Denker und Kreative, dass sie ihre besten Ideen dann haben, wenn sie ihrem Gehirn eine Pause gönnen.
Die falsche 10.000-Stunden-Regel
In einer berühmten Studie untersuchte der Psychologe Karl Anders Ericsson die Violinisten der Musikhochschule Berlin. Er fand heraus, dass die besten Studenten bis zu ihrem 20. Lebensjahr etwa 10.000 Stunden gezielt geübt hatten, was „10.000-Stunden-Regel“ bekannt wurde. Häufig unerwähnt: Die Überflieger-Studenten zeichneten sich nicht nur dadurch aus, dass sie mehr übten. Sie schliefen auch durchschnittlich eine Stunde länger als die übrigen und legten längere Pausen ein.
Unter berühmten Wissenschaftlern und Künstlern finden sich auffallend viele begeisterte Spaziergänger (Charles Dickens lief häufig mehr als 30 km pro Tag!) und die Liste der bahnbrechenden Ideen, die mitten auf der Straße entstanden, ist lang. Diese Genies waren nicht trotz ihrer Spaziergänge produktiv, sondern genau deswegen.
KI könnte uns genau den Raum für solche kreativen Pausen geben – doch bisher passiert das genaue Gegenteil. Unternehmen optimieren das Abarbeiten, nicht das Nachdenken. Das Konzept des „produktiven Müßiggangs“ ist trotz eindeutiger Studienlage immer noch nicht in unseren Köpfen angekommen.
Dabei sind wir ganz eindeutig nicht dafür gemacht, im Akkord zu denken, und unser Gehirn hat einige revolutionäre Stunts auf sich genommen, um diese Beschränkung zu umgehen. KI wird daran nichts ändern. Produktivität entsteht deswegen nicht nur dadurch, dass wir die Arbeit, die wir ohnehin tun, schneller erledigen – sondern auch dadurch, dass wir uns überhaupt erst für die richtige Arbeit entscheiden. Das größte Geschenk, das uns KI an dieser Stelle geben kann? Zeit. Oder anders gesagt: den Raum, einfach mal nichts zu tun.
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