Das Auto ist eine Mogelpackung auf Rädern: Es verspricht Flexibilität und Bequemlichkeit, aber liefert immer öfter das Gegenteil. Hier kommen meine Gründe, warum ich kein Auto besitze - und ein paar Tipps, wie du auch autofrei(er) werden kannst.

Innerhalb eines Jahrzehnt hat sich die Welt der Mellor’s auf links gedreht: Aus zwei Azubis ohne Verpflichtungen ist eine vierköpfige Familie geworden, mit allem was dazugehört - Wocheneinkauf, Familienurlaub, Terminen beim Kinderarzt.

Eines jedoch ist in zehn Jahren gleich geblieben: Wir haben kein Auto.

Diese Frage höre ich oft, meist begleitet von einem fassungslosen Blick. Warum bitte sollte jemand auf die Idee kommen, ohne Auto zu leben? Wieso verzichten auf den Motor, der unseren Alltag so bequem macht, oder vielmehr: erst ermöglicht?

Die Begründung ist ganz einfach. Ich möchte flexibel, gesund und modern durchs Leben gehen.

Na schön. Ich hol mal etwas aus.

Flexibler ohne Auto

Als ich pünktlich zur Volljährigkeit “den Lappen” in der Hand hatte, fühlte ich mich unfassbar erwachsen und frei. Das erste große Fahrziel: meine spätere Heimat Düsseldorf.

Nur mal schnell einen Parkplatz suchen ... ↓

Quelle: RalfHuels, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:D%C3%BCsseldorf_Bilker_Allee_Unterbilk.jpg

Eine halbe Stunde später hatte ich endlich eine Parklücke gefunden - und mein Führerschein-Freiheits-Gefühl verloren. Gab es vielleicht einen geheimen Trick, den mir niemand verraten hatte? Dieses Rumgegurke, diese endlose Sucharbeit, bei der man sich immer weiter von seinem Ziel entfernt, konnte doch unmöglich Alltag für die anderen sein. Es hieße ja, routiniert Zeit zu verschwenden!

Heute weiß ich, dass es keinen Trick gibt. Jeder Düsseldorfer sucht 61 Stunden pro Jahr nach einem Parkplatz, eine Viertelstunde am Tag also. Selbst die Glücklichen mit Garage oder Stellplatz müssen erst mal in die Stadt hinein oder hinaus - viele meiner Kollegen stehen dabei jeden Morgen im Stau. Es sei denn, sie stehen sehr, sehr früh auf. Was hat das mit Freiheit oder Flexibilität zu tun?

Nun höre ich oft, dass ein Auto auch in der Großstadt unumgänglich ist - spätestens mit Kindern. Das sehe ich anders. Fahrten mit den Öffentlichen sind für uns immer deutlich entspannter als mit dem Auto: Kein nerviges Kinderwagen-Auseinandergeklappe und Anschnallen, kein Parkplatzssuchen. Längere Strecken im Auto sind erst recht nervig. Kaum sind wir auf der Autobahn, wird es der Kleinen in ihrem Sitz zu eng, der Sohn muss plötzlich und sehr dringend aufs Klo - und das Navi schmeißt schon mal die Stauumfahrung an. Mit dem Auto in den Urlaub zu fahren ist Stress. Das Kleinkinderabteil des ICE ist hingegen ein Stück Urlaub.

Und dann sind da noch die Rennereien, deren Existenz ich schon fast vergessen habe: Werkstattbesuche, TÜV-Inspektionen, Probleme mit der Versicherung. Ich weiß ungelogen nicht mehr, wie sich das anfühlt.

Das alles trifft bei dir nicht zu? Autofahren ist einfach nur bequem? Damit wären wir beim nächsten Problem.

Gesünder ohne Auto

Weniger Autofahren steigert deine Überlebenschancen. Einerseits natürlich, weil jede Autofahrt gefährlich ist - pro Jahr verletzten sich 400.000 Menschen im deutschen Straßenverkehr, dein Todesrisiko beim Autofahren ist 53-mal höher als bei einer Bahnfahrt.

Aber mir geht’s um etwas anderes: Wer Auto fährt, der sitzt. Und inzwischen ist sich die Forschung einig, dass ständiges Sitzen auf lange Sicht genauso tödlich ist. Die Gegenmittel sind bekannt: Mehr stehen, mehr laufen, mehr bewegen. Nun kann man natürlich ins Fitnessstudio fahren, am besten mit dem Auto, und dort auf dem Laufband sein Schrittpensum abarbeiten - aber das finde ich irgendwie schräg.

Wer aber einfach auf das Auto verzichtet, endet automatisch bei mehr Bewegung, weil man mit dem Fahrrad oder zu Fuß erstaunlich viele Alltagsziele erreicht. Zugegeben, bei einem gut ausgebauten ÖPNV-Netz wie in Düsseldorf muss man tricksen, um auf seine 10.000 Schritte zu kommen, aber auch das ist leicht. Ich ersetze zum Beispiel die Rückfahrt von der Arbeit regelmäßig durch einen Spaziergang, oder ich mache den Haltestellentrick: Wenn ich eine Straßenbahn knapp verpasse, laufe ich einfach zur nächsten Haltestelle vor, statt zehn Minuten zu warten (es seit denn mein Buch ist wirklich spannend).

Ob zu Fuß, mit dem Fahrrad oder den Öffentlichen Verkehrsmitteln: Alles ist gesünder als mit dem Auto zu fahren.

Umweltschutz? Ja, aber nein

Jetzt wäre der Moment, um über CO2-Ausstoß und Feinstaub zu schimpfen. Ich könnte behaupten, der Hauptgrund für meinen Autoverzicht wäre es, die Umwelt zu schützen. Aber dieses Argument könntest du schnell entkräften.

Jeder Autofahrer hat nämlich die Möglichkeit, weitaus weniger CO2-Ausstoß zu verursachen als der durchschnittliche Bürger. Wer auf den jährlichen Flug nach Mallorca verzichtet, hat sich rechnerisch schon ein ganzes Jahr Autofahren “verdient”, wer konsequent auf Obst aus Südamerika verzichtet zumindest ein paar Wochen. Wenn du ein Auto brauchst, zum Beispiel weil du auf dem Land lebst, solltest du dir von niemandem ein schlechtes Gewissen einreden lassen.

Allerdings ist eines seltsam: Jedes Jahr steigt der CO2-Ausstoß, der von deutschen Autos verursacht wird. Und das, obwohl immer weniger Menschen auf dem Land leben, es immer bessere Möglichkeiten gibt, das Auto zu umgehen und moderne Autos natürlich auch weniger Emissionen verursachen.

Aber da sind eben die Massen von Großstädtlern, die sich trotzdem jeden Morgen durch die Stadt schälen. Und da sind die SUVs, “Zynismus auf Rädern”, deren Anteil sich seit 2008 verdoppelt hat. Das ist in Zeiten des bewiesenen Klimawandels, nun ja, irritierend.

Fest steht: Das Auto ist der einzige Klimasünder, den du kontrollieren kannst. Das Flugzeug fliegt auch ohne dich. Das Kohlekraftwerk kümmert deinen Grünstrom nicht. Aber das Auto schaltest du ein. Oder eben nicht.

Natürlich gibt es Situationen, in denen ein Auto absolut sinnvoll ist. Das Stichwort lautet: Mobilitätsmix.

Kein Auto haben heißt nicht: Kein Auto fahren

Vorab möchte ich eines klarstellen: Ich bin zwar ÖPNV-Evangelist, aber verblendet bin ich nicht. Auch mich nervt der pampige Busfahrer, die stinkende S-Bahn, die “Störung im Betriebsablauf”. Auf 999 gute Fahrten kommt eine traumatische - zumindest an Anekdoten mangelt es uns Bahnfahrern nicht. Zwar wird die Qualität jährlich besser - im Gegensatz zum Autoverkehr! - aber in sehr, sehr kleinen Schritten. Beispiel Barrierefreiheit: Selbst große Bahnhöfe wie der Dortmunder Hbf haben immer noch keinen einzigen Fahrstuhl. Die Bahn ist dabei, in Dortmund und 150 anderen Städten zu modernisieren, aber braucht dafür bis 2024.

Bahnfahren hat also genauso viele Nachteile wie Autofahren. Es kommt darauf an, sich aus allen Welten das Beste zu nehmen. Ein solcher Mobilitätsmix war niemals einfacher. Früher war Bahnfahren eine Geheimwissenschaft von Leuten mit Fahrplänen im Kopf, heute sagt dir Google Maps die beste Verbindung. Früher war ein Auto zu mieten ein bürokratischer Akt, heute geht es per App.

Als Familie nutzen wir regelmäßig Car2Go und vor allen Dingen Flinkster, um Ziele außerhalb der Stadt zu erreichen. Die Kosten liegen bei gut 150 EUR pro Monat, was ungefähr dem Wertverlust eines Neuwagens entspricht - den ich ja erst mal kaufen müsste. Mit all seinen Nachteilen.

Unser Mobilitätsmix lässt sich nicht von jedem kopieren, denn wir sind eben eine Großstadtfamilie. Mein Gefühl aber ist, dass allein der Gedanke, autofrei zu sein, für viele so absurd ist, dass sie ihn nicht mal erwägen.

Warum ist das so? Das kann ich schlecht einschätzen, denn in Sachen Autoverzicht habe ich einen großen Vorteil: Ich fahre nicht gerne Auto. Selbst ohne Parkplatzssuche und Stau finde ich Großstadtverkehr einfach nur anstrengend und den Rest gähnend langweilig. Was kann auch spannend daran sein, länger als zehn Minuten über die Autobahn zu fahren? Lenken und überholen? Je eher das Computer für mich übernehmen, desto besser. Schnell fahren? Ich werde meine Familie nicht mit 200 km/h zum Ziel bringen, nur weil das aufregend ist. Das Auto ist für mich eine 130 Jahre alte Idee, die wir einfach nur skaliert haben, statt zu verbessern.

Falls du jetzt denkst, dass hier endlich der wahre Grund für meinen Autoverzicht steht: Nope. Ich besaß jahrelang ein Auto, weil es nötig war (ansonsten hätte ich meine Verlobte nicht besuchen können). Ohne Carsharing hätten wir uns spätestens mit dem Nachwuchs ein Auto geholt.

Dass vor unserer Tür kein Wagen steht, ist nicht zufällig passiert. Wir haben immer wieder nach coolen Möglichkeiten gesucht, ohne auszukommen. Damit sind wir Exoten.

Aber vielleicht habe ich dich ja zum Grübeln gebracht? Wenn ja: Warum nicht ein unverbindliches Experiment machen, einfach um zu wissen, wie sich ein Leben ohne Auto anfühlt? Ein perfekter Moment für so ein “Autofasten” ist der nächste Autokauf - statt übergangslos den Wagen zu wechseln, legst du einfach einen ganzen Monat Autopause ein. Vielleicht kommt ja heraus, dass dein neues Auto deutlich weniger Kurzstrecken fahren muss. Und wenn nicht, auch nicht schlimm.

Beim Autoverzicht, ob ganz oder gelegentlich, ist es wie bei allen Investitionen in unseren Planeten: Nur auf den ersten Blick verschenkst du etwas an Generationen, die dir nie etwas zurückgeben können. In Wirklichkeit gönnst du dir selber ein Stück Zukunft - und hast viel davon.