Zukunftsforscher und Science-Fiction-Autoren stehen vor einem Problem: sie untersuchen etwas, das es nicht gibt. Die Zukunft wird erst existieren, wenn sie Gegenwart geworden ist.
Auf der anderen Seite möchte jeder von uns gerne wissen, was die nächsten Jahre bringen. Geht der Hype um Künstliche Intelligenz bald zu Ende? Wird sich das eigene Berufsbild verändern? Sollte ich mir jetzt ein E-Auto kaufen oder lieber später?
Trend-Reports bieten scheinbare Antworten auf diese Fragen, aber man muss einiges beachten, wenn man sie liest. Hier kommen vier Tipps, damit deine nächste Trend-Lektüre wertvoll wird.
1) Es gibt „die Zukunft“ nicht.
Da die Zukunft nicht existiert, sprechen professionelle Zukunftsforscher (und Science-Fiction-Autoren) von „Zukünften“ – möglichen und plausiblen Szenarien, die eintreten können, aber nicht müssen. Welche dieser Szenarien eintritt, weiß niemand, selbst wenn sie nur zwei, drei Jahre in der Zukunft liegen.
Ein aktuelles Beispiel dafür ist der Trend zu mehr Home-Office. Vor 2020 waren konstant 10 % der Arbeitnehmer regelmäßig im Home-Office. Dann kam die Corona-Pandemie und der Anteil schnellte auf 25 %. Es hatten sich noch nicht alle MS Teams installiert, da erschienen schon die ersten Trend-Reports über die Zukunft der Arbeit – mit gänzlich unterschiedlichen Vorhersagen. „Working from Home“ würde …
- … weiter steigen ( = Trend)
- … mit dem Ende der Pandemie wieder sinken ( = temporärer Ausreißer)
- … auf dem Corona-Niveau bleiben ( = Niveauverschiebung)
Alle drei Zukünfte waren plausibel, aber nur eine von ihnen trat ein, und das ziemlich eindeutig: das Szenario Nummer 3 (Disclaimer: hätte ich nicht mit gerechnet). Damit ist jedoch keineswegs geklärt, wie das Arbeitsleben in weiteren fünf Jahren aussieht.
Gute Trend-Reports entstehen deswegen in zwei Schritten:
- Sie stellen eine Hypothese für eine zukünftige, große Veränderung auf, abgeleitet aus Signalen und Trends, die wir heute beobachten können.
- Sie beschreiben verschiedene Szenarien, wie sich diese Veränderung auswirken könnte.
Schlechte Trend-Reports stellen ihre Hypothese als Fakt dar und beschreiben nur eine, mögliche Zukunft.
Trend-Check
Beleuchtet die Vorhersage unterschiedliche Szenarien? Oder zumindest verschiedene Aspekte des gleichen Szenarios? Wenn nicht, was könnten gegenteilige, aber auch plausible Zukünfte sein?
2) Die Zukunft besteht nicht aus der fortgeschriebenen Vergangenheit
Trends sind immer eine Beschreibung der Vergangenheit. Trend-Reports schreiben diese Vergangenheit fort – wir alle kennen die Trendlinie, die ab einem bestimmten Punkt gestrichelt wird, weil die Datenpunkte nicht mehr gemessen, sondern extrapoliert werden.1
Daran ist erst einmal nichts auszusetzen. Die meisten Trends von heute werden morgen nicht aufhören. Doch je weiter man in die Zukunft schaut, desto fehleranfälliger ist diese Methode.
Das liegt daran, dass das simple Fortschreiben der Vergangenheit fast immer zu extremen Szenarien führt. Eine total-digitalisierte Regierung führt zu einem orwellschen Überwachungsstaat, eine zu Ende gedachte Automatisierung dazu, dass wir als lethargische Tiere enden, die nicht einmal besonders alt werden. Das ist der Stoff, aus dem Science-Fiction-Romane und die „Club of Rome“-Vorhersagen gestrickt sind, selten die Zukunft. Der Grund dafür ist, dass Trends ab einem bestimmten Zeitpunkt einen Gegentrend erzeugt.
Das Ergebnis davon sind genau die Widersprüche, in denen wir heute leben. Globale Vernetzung fördert das Lokale 2. Unsere komplexe, „post-normale“ Welt fördert den Wunsch nach Einfachheit (dem Nährboden für Populismus). Und neue Medien schaffen die alten nicht ab, sondern verändern ihre Nutzung – wir telefonieren mehr als vor der Erfindung von WhatsApp, nicht weniger 3.
Man kann diese ambivalenten, komplexen Zustände keinesfalls vorhersehen, indem man einfach die Gegenwart weiterdenkt. In seinem Buch „[Future Babble](https://amzn.to/4d7DUEl Dan Gardner vergleicht “ vergleicht Dan Gardner so eine stumpfe Art der Zukunftsforschung mit jemandem, der eine Auto ohne Hände am Lenkrad fährt. Das funktioniert, solange man auf einer schnurgeraden Strecke unterwegs ist, aber selbst kleinste Kurven führen zum Totalschaden.
Trend-Check
Werden hemmenden Faktoren werden in dem Report erwähnt? Wenn nicht, was könnte einen Trend stoppen, umkehren oder verlangsamen?
3) Es gibt keine objektive Vorhersage
Ein Trend-Report basiert meistens auf Daten. Sind seine Vorhersagen deswegen „objektiv“? Um das zu beantworten, muss man nur einmal beobachten, wie sich Politiker in einer Talkshow völlige gegensätzliche Beschreibungen des Status Quo um die Ohren hauen – und ihre Behauptungen jeweils mit Zahlen unterfüttern! Die Zahlen stimmen, meistens zumindest. Aber sie bilden nur die „halbe Wahrheit“, nämlich die, die zum Parteiprogramm passt. Wenn also ein Tech-Konzern wie Google einen Trend-Report beauftragt, dann wird die Gesellschaft laut diesem Report natürlich immer digitaler und effizienter. Und zwar dank Google Maps und Google-Suche.
Selbst wenn man die Gegenwart objektiv beschreiben wollte, ist fraglich, ob man diese Aufgabe bewältigen kann. „Niemand kann die Zukunft perfekt vorhersagen“, [[The Definitive Guide to Thriving on Disruption, Volume I - Reframing and Navigating Disruption (Roger Spitz & Lidia Zuin, 2022)|schreibt der Zukunftsforscher Roger Spitz]], „weil niemand die Gegenwart perfekt kennt.“
Es hilft deswegen, nicht nur einen einzigen Trend-Report zu einem Thema zu lesen, sondern eine ganze Handvoll, möglichst aus verschiedenen Richtungen. Je mehr Perspektiven du auf die Zukunft gewinnst, desto besser.
Trend-Check
Wer hat die Studie beauftragt? Wurden nur bestimmte Berufsgruppen befragt oder Kunden des Auftragsgebers? Findet man im Netz schon Gegenstimmen oder Kritik an den Erkenntnissen?
4) Trends brauchen eine Basis
Zukunftsforscher betrachten Trends häufig wie einen Eisberg: die sichtbare Spitze muss auf einem Fundament stehen. Dieses Fundament kann zum Beispiel ein weiterer, größerer Trend sein. Das kommt so häufig vor, dass sich in der Forschung eine Hierarchie von Trends gebildet hat:
- Megatrends (z. B. Digitalisierung)
- Makrotrends (z. B. Cyber-Kriminalität)
- Mikrotrends (z. B. Mobile Recruiting)
Geht man noch weiter, landet man bei den großen Treibern der menschlichen Geschichte, wie Arbeit, Geld, Natur oder Bildung. Die Zukunft ist unbekannt, aber ihre Baustoffe stehen fest.
Und wenn das Fundament eines Trends nur klein oder schwer zu erkennen ist? Dann ist es wahrscheinlich nur ein kurzer Hype, dem bald die Puste ausgeht.
Wer braucht überhaupt Trends?
Trends beschreiben die Vergangenheit oder genauer gesagt: das, was wir in der Vergangenheit beobachten und messen konnten. Man kann mit ihnen sehr gut kurzfristige Voraussagen treffen. Für alles, was darüber hinausgeht, sind sie nur eine Basis. Ein Startpunkt, um mögliche Zukünfte zu beschreiben. Lohnt es sich da, sie überhaupt zu lesen? Definitiv!
Mit der nötigen Vorsicht bieten dir solche Studien eine wertvolle Perspektive auf eine mögliche Zukunft. Wenn du sie mit vielen weiteren Perspektiven verbindest – von Technologie und Wissenschaft bis zu Geschichte, Kunst und Philosophie – können sie dir helfen, vorbereitet in die Zukunft zu gehen.
-
Wissenschaftlicher ausgedrückt: sie quantifizieren die Vergangenheit anhand historischer Daten und extrapolieren diese Daten. ↩︎
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Gut beschrieben in dem Buch „Das vernetzte Kaiserreich (Jens Jäger, 2020)“ ↩︎
-
Dieses Phänomen nennt man Medienkonvergenz ↩︎
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