Wird AI deinen Job automatisieren?

Viele von uns, die sich jahrelang mit Digitalisierung und Automatisierung beschäftigt, finden sich in einer ungewohnten Situation wieder: sie sind zum ersten Mal ganz persönlich betroffen. Einstige unangreifbare Berufe (Manager, Fachkräfte, Berater) sind in dem, was die Berufsforschung „Substitutionspotential“ nennt, ganz nach oben gerutscht. Auf LinkedIn kursiert dazu ein Ratschlag, der bereits eine Art Meme geworden ist: „Nicht KI wird deinen Job killen, sondern jemand, der KI benutzen kann“. Dieses Statement suggeriert ein tröstendes Zukunftsszenario. KI wird deinen Beruf nicht ersetzen, sondern zur neuen Superkompetenz! Nur, dass das so einfach natürlich nicht ist …

Bis jetzt deutet wenig darauf hin, dass Beschäftigte, die mit KI arbeiten, besondere „KI-Kompetenz“ benötigen oder gar wissen müssen, wie KI-Systeme funktionieren 1 . Es ist auch unrealistisch, dass KI bestehende Berufe einfach nur erweitern wird. In der Vergangenheit hat Automatisierung Berufe ersetzt, vermischt und völlig neu kombiniert.

Wie kannst du deine berufliche Weiterentwicklung angesichts dieser Unsicherheit planen? Hier kommen drei Szenarien für deinen aktuellen Beruf und Tipps, wie du dich auf Veränderungen vorbereiten kannst.

Szenario 1: Unbundling

Jeder Beruf ist ein Bündel verschiedener Tätigkeiten. Manchmal ergibt sich dieses Bündel eher zufällig, wie die kaum erklärbare Kombination aus Schuhmacher und Schlüsseldienst 2. Meist aber entsteht das Bündel, damit Übergaben von einem Menschen zum anderen wegfallen. Das ist der Grund, warum Apotheker verkaufen, beraten und produzieren.

Wenn Automatisierung einzelne Tätigkeiten ersetzt, entfallen auch die zugehörigen Übergaben – und damit die Grundlage für das Berufsbild. Es entstehen einerseits neue Spezialberufe („SEO-Spezialist“), andererseits ganz neue Bündel („Mediengestalter Digital und Print“3). Zunächst sind diese Berufe nur exotische Notlösungen, aber über die Jahre (viele Jahre!) wird daraus ein Beruf mit Gesellenprüfung und Studiengang.

Ein ungewöhnliches Bundle liefern

Liste einmal die Tätigkeiten deines eigenen Jobs auf. Was davon können Maschinen übernehmen? Was würdest gerne abgegeben? Und welche Tätigkeiten von benachbarten Berufen sind eigentlich viel besser bei dir aufgehoben? Vielleicht kommt dabei ein ungewöhnliches Bundle heraus („Innovationsberater mit Expertise in Datenschutz“), das in der Kombination kaum ersetzbar ist.

Szenario 2: Neuer Schwerpunkt

Auch wenn Berufsbilder bestehen bleiben, verändert Automatisierung häufig den Schwerpunkt. KI wird deinen Beruf höchstwahrscheinlich nicht in Richtung “mehr Technik” verschieben. Das stände im Widerspruch zu dem, was die Technologie verspricht. Stattdessen werden exklusiv menschliche Fähigkeiten in den Vordergrund drücken. Zum Beispiel diese:

  • Gefühlvoll mit anderen umgehen
  • Originelle, ungewöhnliche Gedanken entwickeln
  • Menschen begeistern, überzeugen, motivieren. Energie ausstrahlen.

Diese Fähigkeiten sind in deinem Beruf wahrscheinlich schon jetzt wichtig, aber eher eine Art Hintergrundbeleuchtung für die “richtige” Arbeit. Künstliche Intelligenz könnte sie stattdessen ins Scheinwerferlicht rücken.

Kommunikation

Gibt es etwas an deinen Kommunikationsfähigkeiten, das du schon immer mal verbessern wolltest? Zum Beispiel: Sicheres Auftreten und Präsentieren, deutliche Aussprache, Verhandlungsgeschick? Eine Weiterbildung in diesem Bereich ist ein sinnvolles Invest. Und du kannst mit kostenlosen Apps und günstigen Videokursen starten.

Szenario 3: Geringe Einstiegshürde

Genau wie Google Maps die Stadtkenntnis von Taxifahrern entwertet hat, ersetzt KI nun langjährige Erfahrung, Wissen und Lernfähigkeit – und das auch, wenn der Beruf weiter bestehen bleibt. Das führt zu einem Effekt, den wir im Kontext von KI selten diskutieren: das durchschnittliche Gehalt sinkt. Zwei Mechanismen führen dazu:

  • Weil die Einstiegshürde sinkt, können wesentlich mehr Menschen die einstigen “Premium Skills” erzielen
  • Wenn aus spezialisierten Fähigkeiten Standardware wird, macht das die Preise vergleichbarer und ermöglicht den “Einkauf” über zentrale Plattformen.

Wer sich gegen diesen Trend stemmen möchte, hat nur eine Möglichkeit: Exzellenz. Mehr liefern als die soliden, geglätteten Ergebnisse der KI. Einzigartige Lösungen. Überraschende Kombinationen. Logiksprünge. Dinge tun, die noch nie zu vor getan wurden.

Klingt zu ambitioniert? Das ist es oft auch. Bei dem Versuch, großartig zu sein, kann man entweder scheitern – oder tatsächlich großartige Leistungen vollbringen.

Und was, wenn es passiert?

Wie werden sich diese drei Bewegungen auf den Arbeitsmarkt auswirken? Das ist schwer vorauszusehen. Automatisierung kann dazu führen, dass ein Beruf mehr nachgefragt werden. Die industrielle Revolution automatisierte die Textilbranche, doch daraufhin explodierte die Zahl der Beschäftigten – weil durch die gesunkenen Verkaufspreise mehr Menschen häufiger Kleidung kauften. Bei der Digitalisierung können wir ähnliche Effekte beobachten. Seit der Erfindung von Excel haben wir dauerhaft mehr Buchhalter, nicht weniger.

Das „Substitutionspotential“ von Akademikaberufen steigt gerade überdurchschnittlich

Eine Branche, die durch Künstliche Intelligenz wachsen könnte, ist zum Beispiel der Gesundheitssektor. Niemand von uns erhält jede Gesundheitsleistung, die er eigentlich gerne hätte. Was, wenn KI nicht nur den Erfolg einer Behandlung erhöht, sondern gleichzeitig die Einstiegshürden für Ärzte senkt? Nachfrage und Angebot werden steil nach oben gehen.

Allerdings nicht ewig. Wir sind nicht unendlich oft krank, unser Kleiderschrank ist irgendwann voll und wir schaffen es auch nicht, mehr als eine Stunde täglich Netflix zu gucken. Wenn die Nachfrage nicht weiter steigt, die Produktivität aber schon, dann fallen die gerade geschaffenen Stellen auch schon wieder weg. In der Vergangenheit ist das genau so passiert 4.

Wie kann man sich darauf vorbereiten? Jedenfalls nicht, indem man sich durchgehend mit allen KI-Tools beschäftigt, die täglich erscheinen. Sondern indem man gezielt an den Fähigkeiten arbeitet, die KI nicht ersetzen kann.

Literatur


  1. „Die meisten Beschäftigten, die mit KI arbeiten, werden vermutlich keine KI-Kompetenzen benötigen und wahrscheinlich auch nicht wissen müssen, wie KI-Systeme funktionieren.“ – Artificial intelligence and the changing demand for skills in the labour market (OECD, 2024) ↩︎

  2. Es gibt Erklärungen, z.B. dass die Erfindung von Pfennigabsätzen Schuhmacher an die Metallverarbeitung heranführten oder dass Schlüssel früher in Schuhen versteckt wurden ↩︎

  3. In der Schweiz treffenderweise „Polygraf“ genannt ↩︎

  4. Automation and jobs: When technology boosts employment | CEPR ↩︎