Marcel Mellor

SF-Autor und Digitalstratege

Warum wir immer weniger Zeit haben

„Wo bleibt nur die Zeit?“

Diesen Satz habe ich in letzter Zeit sehr oft gehört. Seltsam eigentlich. Natürlich bürdet uns Corona viele Zeitfresser auf, aber auch die Möglichkeiten zum Zeitsparen nehmen zu. Drei Beispiele:

  • In meinem Stadtteil kann ich aus drei Diensten wählen, die mir jedes gewöhnliche Lebensmittel innerhalb von 10 Minuten (!) nach Hause bringen
  • Ich kann jetzt Netflix-Serien mit anderthalbfacher Geschwindigkeit abspielen. Richtig gehört: Filme, über dessen Timing sich viele Menschen viele Gedanken gemacht haben, gibt’s im Schnelldurchlauf.
  • Das Düsseldorfer Startup „App & Eat“ automatisiert den Besuch meiner Lieblingsbäckerei. Man bestellt über die App vor und spart sich die 5 Minuten fürs Anstehen.

Schneller, automatisierter, effizienter. Was machen wir nur mit der ganzen Zeit?

Fast fühlt man sich wie die betrogenen Menschen in Michael Ende’s Roman „Momo“: sie sparen an allen Ecken und Enden Zeit und tatsächlich wird diese Zeit auch auf ein verborgenes Konto eingezahlt. Allerdings erhalten die Menschen ihr Erspartes nie wieder zurück.

Im echten Leben gibt es eine Entsprechung, das sogenannte „Produktivitätsparadoxon“. Immer mehr Technologie und Digitalisierung sollte uns eigentlich effizienter machen. Aber auch 4 Jahrzehnte nach der Erfindung von Excel werden wir als Gesellschaft nicht produktiver. Zumindest nicht messbar.

Bitte nicht falsch verstehen: ich bin ein großer Fan davon, wenn man mir unliebsame Aufgaben abnimmt. Eine Maschine kann etwas, das ich nicht machen möchte? Dann soll sie es auch tun. Aber: die Maschine wird mir nicht sagen können, was ich stattdessen tue.

Allenfalls empfiehlt die Technologie sich selbst. Netflix hat den Geschwindigkeitsboost nicht gebaut, damit wir mehr Zeit für Bücher, Spaziergänge oder unsere Lieben haben – sondern damit wir in der gleichen Zeit mehr Episoden schauen können.

Was also tun mit der Zeit, die uns Apps und Software schenkt? Hier zwei Ideen, für die man sich Zeit nehmen kann:

  1. Hobbys und Interessen. Damit meine ich Interessen, wie echte Nerds sie haben: „um ihrer selbst willen, nicht weil es cool ist, sich dafür zu interessieren oder weil man sich etwas bestimmtes davon erwartet.“ (Quelle)
  2. Langeweile. Einfachmal mal 10 Minuten die Gedanken schweifen lassen. Träumen. Nichts tun.

Damit zurück zur Brötchen-App. Eigentlich drückt „App & Eat“ genau die richtigen Knöpfe in meinem Hirn. Aber bis jetzt widerstehe ich der Versuchung. Warum denn nicht einfach mal fünf Minuten anstehen? Und dabei nicht auf sein Handy starren?

Ach ja, beim letzten Anstehen hatte ich übrigens die Idee für diesen Artikel.