Die Zukunft gehört unsichtbaren Computern

Wenn Apple ein neues Produkt vorstellt, sind sich die unvermeidlichen Analysen auffallend ähnlich. Sie beginnen damit, dass Apple nichts grundlegend neues geschaffen hat (nur bestehendes konsequent zu Ende gedacht). Sie gestehen dem Produkt eine Reihe technischer Durchbrüche zu (die so nur Apple zuwegebringen kann). Und sie prophezeien, dass der hohe Preis einen Massenerfolg unmöglich machen wird (zumindest erstmal).

Und dann scheiden sich die Geister. Die eine Hälfte der Analysen kommt folgerichtig zu dem Schluss, dass das neue Produkt ein Flop sein wird. Die andere Hälfte behauptet, dass der Cupertino-Konzern mal wieder eine Gattung geschaffen hat und wir gerade Geschichte erleben. In den letzten 20 Jahren lag die erste Fraktion immer richtig.

Die Reaktion auf die Apple Vision Pro waren also wie immer, aber dann auch wieder ganz anders – das habe ich gemerkt, als ich zusammen mit den App-Entwicklern von satellite die WWDC-Keynote verfolgt habe. Obwohl wir alle bekennende Apple-Fans sind, saßen wir nach der Vorstellung etwas ratlos auf meiner Terrasse. Hatten wir gerade Geschichte erlebt? Die meisten waren skeptisch. Und zwar nicht im Sinne von: „Ich glaube, die kaufe ich mir nicht“. Sondern im Sinne von: „Ich glaube, die würde ich nicht benutzen.“ Eine Zukunft, in der genauso viele Menschen eine VR-Brille nutzen wie heutzutage das iPhone, also eine Milliarde Nutzer – das ist sehr, sehr schwer vorstellbar.

Nun kann man die Apple Vision Pro kaufen und die meisten Rezensionen stimmen darin überein, dass sie ein Wunderwerk ist, aber ihr Anwendungsfall unklar bleibt.

Aber vielleicht hat Apple auch diesmal den richtigen Riecher und wir erhalten gerade einen Blick in die Zukunft der Mensch-Maschine-Interaktion? Die Antwort darauf kennt niemand. Aber um zumindest die Frage zu verstehen, muss man wissen, dass Apple mit der Vision Pro gleich zwei Wetten eingeht.

Zukunft 1: Spatial Computing

Apple hat für die Vision Pro hat alle “-R”-Begriffe, die seit Jahren durch die Techszene geistern (VR, MR, XR, AR), verworfen und stattdessen einen Begriff gewählt, der bislang akademischen Kreisen vorbehalten war: “Spatial Computing”, räumliches Computing. Ich ziehe meinen Hut vor dieser Wortwahl, denn sie macht viel deutlicher, worum es geht: Wir schauen nicht mehr auf einen Bildschirm, sondern der Bildschirminhalt wandert in unsere Umgebung. Ob diese Umgebung virtuell ist (und was „virtuell“ eigentlich bedeutet 1) ist da zweitrangig – es geht um das Interface.

Interfaces gibt es jetzt schon so lange, dass sie uns gar nicht mehr auffallen. Sie stehen zwischen unseren Sinnesorganen und dem, was der Computer für uns tut. Sie verwandeln unsere Wünsche in Nullen und Einsen.

Computer-Interfaces wurden mit der Zeit immer zugänglicher und natürlicher – von abstrakter Maschinensprache, die nur Menschen mit ungewöhnlichen Fähigkeiten und Vorlieben beherrschen können, zu virtuellen Schreibtischen („Desktops“), die jeder versteht. Und unsere Hände rückten immer näher an dieses Interface heran: erst haben wir Tastaturen benutzt, dann Computermäuse und nun können wir die Anwendungen direkt anfassen.2

Wo wird dieser Trend enden? Ganz einfach: Computer werden unsichtbar. Sie sind weiter da, aber sie reagieren auf Dinge, die wir ganz nebenbei machen (Sprachbefehle, einen Raum betreten, Gesten in der Luft, Zwinkern) oder die uns einfach passieren (Veränderungen in unserem Blut, der Raumtemperatur oder unserem Kalender). Das Ergebnis ist eine Art „Ambient Computing“ – so nannte es Tech-Journalist Walt Mossberg in seiner letzten Kolumne vor dem Ruhestand. 3

VR-Brillen und der zweite aktuelle Hype, KI-Chatbots, sind deswegen zwei Lösungen für die gleiche Aufgabenstellung. Spatial Computing will den Bildschirm abschaffen, Sprachassistenten den grafischen Schreibtisch.

Das heißt nicht, dass die Apple-Brille automatisch ein Erfolg sein wird und Spatial Computing die Zukunft. Es wäre nur eine logische Fortschreibung der Vergangenheit.

Allerdings geht es Apple bei ihrem neusten Produkt nicht nur um die Räumlichkeit.

Zukunft 2: Immersion

Nutzer der Vision Pro können den „Grad der Immersion“ einstellen. Wenn man die Brille aufsetzt, sieht man zunächst genau das, was man einen Moment zuvor auch gesehen hat: die reale Welt. Hinter dieser Funktion steckt ein schier unfassbarer Haufen Technik – und es hat eine gewisse Ironie, dass die meisten Durchbrüche der Vision Pro in einer Brille endeten, durch die man einfach hindurchschauen kann.

In diesem Standard-Modus kann die Brille für das genutzt werden, was im Allgemeinen als “Augmented Reality” bezeichnet wird. Nutzer können sich zum Beispiel drei riesige Computerbildschirme auf den Schreibtisch stellen – Bildschirme, die in Wahrheit gar nicht da sind. So etwas kommt dem Anwendungsfall am nächsten, für den sich auch Tim Cook, Apple-CEO und bekennender VR-Skeptiker, erwärmen kann 4.

Doch die Brille bietet auch einen immersiven Modus. Hier taucht der Nutzer komplett in einer virtuellen Umgebung ab – “Be in the moment“ nennt Apple das auf der sehr sehenswerten Verkaufsseite. Diese Art der Anwendung nahm überraschend viel Platz in der Keynote ein – überraschend für mich, weil Apple ausschließlich die Anwendungsfälle präsentierte, mit denen VR-Brillen seit Jahren werben: Spiele, Filme und Meetings.

Ist es denkbar, dass in einer nicht mehr ganz fernen Zukunft täglich Milliarden Menschen „abtauchen“, entweder über die Apple Vision Pro und eine ihrer vielen Nachahmer? Niemand kann das sagen. Wir können nur sagen: es wäre eine Trendumkehr. Das Internet (oder gerne auch nostalgischer: der „Cyberspace“) waren für einen sehr kurzen Zeitraum ein Paralleluniversum. „Das ist eine Welt, die ich wirklich vermisse“, sagt die Journalistin Marie LeConte und spricht damit vielen Nerds aus der Seele. „Eine Welt, in der ich das Internet zurücklasse, wenn ich das Haus verlasse” 5. Diese Zeit ist vorbei. Nach LeContes Einschätzung sind seit dem Jahr 2020 Internet und Realität untrennbar miteinander verwoben6. Heute tauchen wir nicht im Internet ab, sondern wir gehen so schnell rein und raus, dass manche von einer „Always on“-Mentalität sprechen. Doch wir sind nicht immer online, sondern nur sehr oft, bis zu 80-mal pro Tag.7. Und das dann sogar mehrmals gleichzeitig: während das TV läuft, schaut ein Viertel der deutschen Fernsehzuschauer gewohnheitsmäßig aufs Handy. 8.

Eine Frau schaut auf ihrer Apple Vision Pro einen Film
Wenn ich erst mal die Brille habe, kann ich wieder ganz in Ruhe Filme gucken. Wirklich?

Der oben genannte Trend, dass Interfaces immer unsichtbarer werden, könnte sogar als Gegenbewegung zu mehr Immersion gesehen werden. Programmierer, die sich vor einen Computer setzen und stundenlang auf Code-Zeilen schauen, sind viel eher „im Tunnel“ als Smartphone-Nutzer, die eine App nach der anderen öffnen.9.

Aber könnte es nicht sein, dass wir uns gerade deswegen wieder danach sehnen, abzutauchen und „im Moment“ zu leben? Solche Sätze kenne ich von Verlegern, Theaterbetreibern und Filmregisseuren. Und natürlich, immer noch greifen Menschen zum Buch und gehen ins Theater oder Kino. Aber dass in Milliarden Menschen ein unbefriedigtes Bedürfnis nach absoluter Immersion steckt – das ist, Stand jetzt, Wunschdenken und keine Beobachtung.

All das muss nichts heißen. Apple hat es mehrmals geschafft, neue Nutzungsszenarien zu schaffen, von denen wir nicht wussten, dass wir nach ihnen verlangen. Nur hat auch Apple niemals eine Kehrtwende unserer Gewohnheiten geschaffen. Das wäre eine Premiere.

Wird die Vision Pro die Welt verändern?

Wie schon bei vielen Produkten zuvor, hält sich Apple diesmal mehre Möglichkeiten offen. Die Vision Pro könnte ein High-End-Gerät für den geschäftlichen Bereich werden und dort zum Standardwerkzeug für virtuelle Meetings, Schulungen und Reparaturen werden. Sie könnte zum absoluten Gamer-Gadget werden. Sie könnte aber auch die Interaktion von Mensch und Maschine neu prägen – für einen Großteil der Weltbevölkerung.

Das Zeitalter der unsichtbaren Computer hat begonnen. Apple hat dieses Zeitalter nicht erfunden, aber entscheidend mitgeprägt. Welche Rolle wird die Vision Pro in diesem Zeitalter zukünftig spielen? Ich ende so, wie die meisten Analysen ehrlicherweise enden sollten: Ich habe keine Ahnung.


  1. “Virtuell” ist, wie der Luca Caracciolo, Chefredakteur der Technology Review, in diesem Vortrag gut erklärt, nicht das Gegenteil von “Real”, sondern von “Materiell”. Wir bewegen uns ständig in virtuellen, also ausgedachten Konzepten und Realitäten – mal mit Computer, mal ohne. Die meisten von uns arbeiten zum Beispiel für eine Firma und bekommen von ihr Geld auf unser Konto. Beide Konzepte, Firma und Geld, existieren nur in unserer Vorstellung. Sind sind virtuell, aber trotzdem real. Gleichzeitig kann man argumentieren, dass das Digitale nicht virtuell ist. ↩︎

  2. Apple hat in der WWDC-Keynote, selbstbewusst wie immer, sich selbst als Motor dieser Entwicklung definiert. Der Mac erfand das Personal Computing, das iPhone Mobile Computing, die Vision Pro nun das Spatial Computing. Diese Darstellung ist natürlich verkürzt, aber ganz unwahr ist sie nicht. ↩︎

  3. Quelle: The Disappearing Computer (Walt Mossberg, 2017) ↩︎

  4. Tim Cook hat zu zahlreichen Gelegenheiten betont, dass er einer Brille, die ihre Nutzer abschottet, nichts abgewinnen kann, auch wenn er dies im Laufe der Jahre immer weiter relativierte. Im letzten großen Interview. vor Erscheinen der Vision Pro sagte er: Augmented Reality „könnte uns dazu befähigen, Dinge zu erreichen, die wir sonst nicht erreichen können. Vielleicht könnten wir viel einfacher kollaborieren, wenn wir beim Brainstormen spontan etwas Digitales hervorzaubern können, das wir beide sehen können, um dann damit weiterzuarbeiten und kreativ zu werden. […] Mit der virtuellen Welt als Overlay könnten wir die Welt noch mehr optimieren." Quelle: Tim Cook über seine Vision für die Zukunft von Apple (gq-magazin.de, 2023) ↩︎

  5. “I already had a cell phone and could send text messages. But I didn’t have internet. That, in hindsight, strikes me as the perfect balance. That is a world that I really miss: having almost everything from the internet, but also leaving it behind when I leave the house.” – Marie LeConte – ‘I am 30 years old and I miss the old internet. The beautiful people are in charge, just like everywhere else’ (Jordi Pérez Colomé, 2022) ↩︎

  6. „The second phase started probably in early 2010. [ …] That’s when the bar was „invaded.“ Being on the internet was no longer special. That distinction between digital and real was whittled down to zero: „In early 2020, real life and the internet finally completely merged into one world,“ she says. Everything that happens or is said on the internet is now real. It has consequences at work or in private life, and it is linked to your identity forever.“ – Marie LeConte in: Marie LeConte – ‘I am 30 years old and I miss the old internet. The beautiful people are in charge, just like everywhere else’ (Jordi Pérez Colomé, 2022) ↩︎

  7. Quelle: Warum wir so oft zum Smartphone greifen | MDR.DE ↩︎

  8. Quelle: Nicht ohne mein Handy! Der Second Screen aus Marketingsicht (therestlesscmo.com) ↩︎

  9. Immersive is an interesting word, though, because I think there’s another and more compelling path to think about: that the direction of travel has been towards less immersive. Is a smartphone really more ‘immersive’ than a PC or a giant TV? I think you could argue that the move from command line to GUI to smartphone is a move towards less immersion and a much more casual, fluid, accessible, pick-up-and-put-down kind of experience. – Ways to think about a metaverse (Ben Evans, 2022) ↩︎