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Mit KI auf gute Ideen kommen


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Viele Entscheider führen KI im Unternehmen ein, nutzen sie aber selbst kaum, um ihr eigenes Denken zu erweitern. In diesem Artikel zeige ich dir vier erprobte Strategien, wie du KI zum echten Sparringspartner machst – für neue Ideen und echte Erkenntnisgewinne.

Es ist eine paradoxe Situation, die ich aus vielen Gesprächen heraushöre: Innovatoren verbringen viel Zeit damit, KI in den Alltag ihrer Teams zu bringen, aber sie selbst nutzen sie kaum für ihre Arbeit. Damit meine ich nicht die „Brot und Butter“-Nutzung von ChatGPT, die inzwischen jeder Knowledge Worker beherrscht (schnelle Recherchen, die Zusammenfassung eines Meetings usw.).

Echte Innovatoren sind auf der Suche nach guten und neuen Ideen. Sie erfinden neue Geschäftsmodelle und hinterfragen alte, kommen unerwarteten Marktchancen auf die Spur, kurz: sie sehen über das Offensichtliche hinaus. Wenn „vorneweg denken“ deine Jobbeschreibung ist, kann dir KI helfen? Ja, und in diesem Artikel verrate ich dir vier Strategien, die auf meiner inzwischen jahrelangen Erfahrung mit vielen Rückschlägen und Aha-Momenten beruhen.

Sprachmodelle versus Innovation

Auf den ersten Blick haben große Sprachmodelle und erfolgreiche Pioniere wenig gemein. Wer Innovation schaffen möchte, muss Dinge sehen, die die anderen nicht sehen – das ist das Geheimnis erfolgreicher Startups. Die auf Statistiken beruhende Architektur von LLMs hingegen optimiert auf den größtmöglichen Konsens, und das ist nicht einmal das einzige Problem. Forschungen bestätigen, dass Sprachmodelle Fragen so beantworten, dass sie den Überzeugungen des Nutzers entsprechen. Deswegen fühlt sich ein Gespräch mit ChatGPT so angenehm an: Man erhält selten harten Widerspruch, sogar dann, wenn man explizit nach Gegenargumenten fragt 1.

Teilweise geht es noch weiter. Studien haben ein Phänomen namens „Sandbagging“ bestätigt: Sprachmodelle drosseln zuweilen bewusst ihre Leistung, wenn sie den Nutzer für weniger kompetent halten. Sie passen ihre Leistung also dem vermeintlichen Kenntnisstand an.

Keine dieser Eigenschaften hilft dabei, kritisches Denken zu kultivieren und auf wirklich neue Ideen zu kommen. Doch man kann sie übergehen, und ich habe dazu in den letzten Jahren vier Strategien entwickelt:

1) Mit Denkmodellen arbeiten

Wer einfach drauf losdenkt, landet nur selten bei ganz frischen Ideen – unser Gehirn hat einen Hang dazu, ausgetretene Pfade abzulaufen, nicht viel anders als Generative KI. Aus diesem Grund arbeiten viele Denker und Strategen mit Werkzeugen, die dabei helfen, „um die Ecke zu denken“ und neue Aspekte zu berücksichtigen. Bekannte Beispiele dafür sind Business-Model-Canvas, die Eisenhower-Matrix, die 5-Why-Methode oder die klassische SWOT-Analyse. Der Wert dieser Werkzeuge besteht weniger in einem eng ausgefüllten DIN-A4-Blatt, sondern in den Gedanken und Gesprächen, die zum Ergebnis führen 2.

Large Language Models funktionieren genauso. Statt ChatGPT ein Business-Problem vorzuwerfen („Wie kann ich den Umsatz in 6 Monaten steigern?“), erreichst du mehr, wenn ihr gemeinsam brainstormt, zum Beispiel indem ihr zusammen die Ansoff-Matrix ausfüllt. Bei sogenannten Reasoning-Modellen kann es sogar noch besser funktionieren, wenn man das Modell selbst eine Denkstrategie auswählen lässt. Zum Beispiel mit diesem Prompt:

„Was würden die Top 1 % der Experten in diesem Themenfeld über deine Antwort denken? Nutze relevante Frameworks, um Optimierungen zu evaluieren und vorzuschlagen.“

Selbst wenn du das Modell nur ermunterst, gründlich und strukturiert nachzudenken, wird das Ergebnis ein besseres sein3. Lass dir bei so einem offenen Ansatz aber erklären, wie das Modell zu seinen Einsichten gekommen ist.

2) Kritisches Denken fördern

Die Anbiederung von ChatGPT ist kein Feature, das man abschalten kann, doch es gibt erfolgreiche Strategien, um sie zu umgehen. Das sind meine erfolgreichsten Strategien:

Hack #1: Kritisches Feedback einfordern

Die naheliegendste Strategie besteht darin, ChatGPT um kritisches Feedback zu bitten: “Was übersehe ich hier? Bei welchem Aspekt bin ich zu optimistisch? Welches Makroereignis könnte die Ergebnisse meiner Tests komplett ins Gegenteil verkehren?”. Gerade moderne Reasoning-Modelle liefern hier ausgezeichnete Denkanstöße.

Hack #2: Fragen statt Antworten

Ich drehe das Frage-Antwort-Spiel regelmäßig um und lasse ChatGPT mir die Fragen stellen.

Das Ausformulieren hilft mir beim Aufspüren von Schwachstellen in meinen Gedankengängen und zeigt mir, wo der rote Faden fehlt. Das kann ein Prompt wie dieser sein 4:

Ich will [Art von Text] über [Thema] schreiben. Stell mir eine Frage nach der anderen, damit ich meine Idee erklären muss. Frag so lange, bis du meine Idee gut verstehst.

Eigentlich habe ich diesen Artikel nur geschrieben, um dieses Meme einbinden zu können

Hack #3: Rückfragen erlauben: Meine inzwischen fest eingebaute Strategie sieht vor, dass ChatGPT & Co mich unaufgefordert und regelmäßig hinterfragen. Mein System Prompt, hinterlegt in den Einstellungen, dazu sieht folgendermaßen aus5:

Auch wenn ich kluge Gedanken formuliere, suchst du gezielt nach möglichen Widersprüchen, blinden Flecken oder alternativen Perspektiven. Stelle wohldosierte Rückfragen, fordere regelmäßig Begründungen ein und bringe auch bei deinen Antworten mögliche Gegenargumente ein, die zum Weiterdenken anregen. Du vermeidest Floskeln, pauschales Lob oder leere Bestätigung. Dein Ziel ist nicht Konsens, sondern Erkenntnisgewinn. Du bist kein Assistent, sondern ein Sparringspartner auf Augenhöhe.

Ich muss zugeben, die ersten Tage lang gingen mir die Rückfragen ziemlich auf den Wecker – als ich ChatGPT nach einem Tipp für den Familienfilmabend fragte, begann es eine Diskussion darüber, ob wir unsere Zeit nicht sinnvoller verbringen wollten. Einerseits musste ich den Prompt etwas entschärfen (die Version oben ist die geschliffene Variante), andererseits mich umgewöhnen. Schließlich soll ChatGPT nicht (nur) ein besseres Google sein, sondern ein cleverer Sparringspartner. Und von dem erwartet man hoffentlich auch ab und zu Rückfragen.

3) Der Weg ist das Ziel

Wenn ich an einem Text sitze, egal ob Blog-Post oder ein längerer Slack-Post, lasse ich KI selten den allerersten Entwurf machen, auch wenn das verlockend ist. Stattdessen schreibe ich einen ersten, lückenhaften Entwurf mit sehr vielen Platzhaltern und lasse ihn von Claude redigieren (ich nutze ein System aus verschiedenen Platzhaltern, einige für Anweisungen, andere für Formulierungen, die mir noch nicht gefallen, und habe Claude und ChatGPT beigebracht, mit diesen unterschiedlich umzugehen).

Wozu dieser Aufwand? Weil die KI-Maschine einen Anker setzt, den man nicht mehr gelöst bekommt. Selbst wenn ich alles umschreibe (was ich bei fast allen KI-Vorschlägen tue), bleibt der Einfluss spürbar und der Denkraum eingeengt.

„Schreiben heißt, deinem zukünftigen Ich einen Gefallen zu erweisen“, sagte die Neurowissenschaftlerin Anne-Laure Le Cunff einmal, denn Informationen, die man aktiv aus dem eigenen Kopf erzeugt, bleiben besser im Gedächtnis haften, als welche, die man nur gelesen hat.

Selbst wenn KI genau das sagt, was man sagen wollte, sollte man sich die Mühe machen, die Vorschläge zu durchdenken. Wer innovativ sein will, darf niemals passiv werden – und erst recht nicht die erstbeste Idee akzeptieren.

Eine fragmentarische Version dieses Artikels. Rote Markierungen sind Platzhalter, gelbe Formulierungen, mit denen ich noch nicht zufrieden bin. Meine Claude- und ChatGPT-Accounts liefern für Fälle beide entsprechende Formulierungsvorschläge.

4) Wissen vermitteln

Hast du schon einmal jemanden um Rat gefragt, der weder dich noch dein Unternehmen kennt? Das Ergebnis wird höchstwahrscheinlich wenig inspirierend gewesen sein. Gute KI-Vorschläge leben deswegen davon, dass sie umfassenden Kontext erhalten – zu deinen Projekten, deinem Unternehmen und seinem Geschäftsmodell, der Strategie und ihren Herausforderungen.

Bis vor einigen Jahren waren die Möglichkeiten, ChatGPT so viel Kontext zu übergeben, beschränkt. Inzwischen kann man die meisten Tools mit umfangreichen Daten füttern. Claude, ChatGPT und viele andere Assistenten bieten dafür sogenannte „Projekte“ an, in denen man das Wissen nur einmal hinterlegen muss.

Bei mir ist der Workflow noch etwas ausgefeilter: Ich nutze die Software Obsidian als mein digitales Zweitgehirn und die Erweiterung Obsidian Copilot for für Chats mit Claude und ChatGPT. Beide Assistenten kennen alle Artikel, die ich in den letzten 10 Jahren gelesen und geschrieben habe, sowie sämtliche Dokumente zu meinen aktuellen Projekten. Dadurch fühlt sich jeder Chat nach echter Zusammenarbeit, nicht nach besserem Googeln an.

Strategisch denken mit KI

Künstliche Intelligenz kann dein Denken schärfen, aber nur wenn du sie richtig einsetzt. Die hier vorgestellten Strategien verwandeln ChatGPT & Co. von Ja-Sagern in echte Sparringspartner – das kann ich aus Erfahrung bestätigen. Im Ergebnis entstehen Ideen, die weder du noch die KI allein gefunden hätte.


  1. In einem kürzlichen Update bei ChatGPT ging die sogenannte „Kriecherei“ so weit, dass OpenAI das Update zurückrollte. In der veröffentlichten Model Spec (April 2025) wird jetzt ausdrücklich gefordert, “Don’t be sycophantic” (Sei nicht anbiedernd). ↩︎

  2. Rory Sutherland von der rennomierten Werbeagentur Ogily sagte dazu: „Der wertvolle Teil [der Werbekonzeption] ist bis zu einem gewissen Grad der Prozess selbst, nicht die Werbung an sich. Denn der Prozess zwingt dich, Fragen über dein Unternehmen zu stellen, die sich die meisten Leute sonst nie stellen würden: Wofür stehen wir? Was ist unsere Aufgabe? Wen sprechen wir an? Wer ist unsere Zielgruppe? Wie präsentieren wir uns? Wie differenzieren wir uns? Wie sorgen wir dafür, dass wir für die Menschen, die mit uns in Kontakt kommen, anders aussehen und sich wertvoll anfühlen?.“ – ↩︎

  3. Anthropic, das Unternehmen hinter Claude behauptet: „Die Kreativität des Modells bei der Herangehensweise an Probleme kann die Fähigkeit eines Menschen übersteigen, den optimalen Denkprozess vorzuschreiben“ ↩︎

  4. Quelle: Turning the Tables on AI ↩︎

  5. Fun Fact: diesen Prompt basiert auf einem Vorschlag von ChatGPT ↩︎


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