Business-Chats wie Slack, Microsoft Teams und Cisco Jabber sind angetreten, um volle E-Mail-PostfĂ€cher mit einem besseren Konzept zu schlagen. WĂ€hrend der Pandemie haben sie so gut wie jedes BĂŒro im Sturm erobert.
Das Ergebnis? Zehn Jahre nach der Veröffentlichung von Slack hat sich bei vielen Anwendern ErnĂŒchterung breitgemacht. Die scheinbaren StĂ€rken moderner Chat-Plattformen haben sich als genau ihre SchwĂ€chen herausgestellt.
Niederschwellig: Ich habe jemanden viel schneller angechattet, als ihn anzurufen oder gar vorbeizukommen. Mal eben ein GIF in einen Thread posten, an dem 20 Leute mitlesen? Kein Problem. Die Zeit fĂŒr Schriftkommunikation ist gestiegen, nicht gesunken.
SpaĂig: Die âJoy of Useâ von Slack ist ein Problem, keine Lösung. Ich erwische mich regelmĂ€Ăig dabei, dass ich auch nach Feierabend ĂŒberprĂŒfe, wie viele Emojis eine Nachricht erhalten hat â als wĂ€re Slack ein soziales Netzwerk.
Simpel: Mit einem modernen E-Mail-Client kann ich Nachrichten priorisieren, archivieren und damit auf âZero Inboxâ kommen. Mit Slack geht das bis heute nicht. Die App ist darauf ausgelegt, dass man Anfragen sofort oder sehr zeitnah beantwortet.
Die Folge? Slack ist âfĂŒr ProduktivitĂ€t entwickelt", aber tatsĂ€chlich steigt die ProduktivitĂ€t messbar, wenn Slack mal einen Ausfall hat. Menschen, die pro Tag 40 Chat-Nachrichten und mehr erhalten â und diese Marke ist schnell erreicht â können unmöglich anderthalb Stunden konzentriert am StĂŒck arbeiten.1 Doch genau das ist ein Muss in vielen Berufen, zumindest wenn man exzellente Ergebnisse erzielen will.
1) Die Art verÀndern, wie man als Team mit Slack arbeitet
Auf den Vorwurf, Slack steigere die ProduktivitĂ€t gar nicht, antwortete das Unternehmen einmal: âWenn Slack nicht auf eine Art und Weise genutzt wird, die Ihre Mitarbeiter als produktiv empfinden, dann mĂŒssen Sie die Arbeitsweise Ihres Teams ĂŒberdenken und Ă€ndern.â
Diese Antwort wirkt genauso nichtssagend wie schnippisch, enthĂ€lt aber eine Wahrheit: Die meisten Probleme im Umgang mit Slack und Teams kann man dadurch beheben, dass man sie anders benutzt. Und anders heiĂt hier vor allen Dingen, sie nicht immer zu benutzen. Die Niederschwelligkeit von Instant-Messengern suggeriert, man sollte am besten alles mit einer schnellen Chat-Anfrage beginnen, und sich von dann zu Telefonaten und Meetings âhochbewegenâ. Doch fĂŒr viele GesprĂ€che ist ein Chat nicht das richtige Format, auch nicht zum Start.
Der zweite Trugschluss ist, dass Chat-KanĂ€le unverbindlich sind. Ich habe unseren Team-Channel frĂŒher als eine Art Radio betrachtet und dort beinahe tĂ€glich Zahlen, Anekdoten und Links gepostet. Wer gerade online war und Interesse hatte, konnte sich an der Konversation beteiligen â so mein Gedanke. In Wahrheit habe ich mit jeder Message zig Leute aus ihrer Arbeit gerissen, hĂ€ufig mit Dingen, die fĂŒr ihre Arbeit nicht relevant sind.
In meinen Teams haben wir die Last der tĂ€glichen Chat-Nachrichten folgendermaĂen reduziert:
- Richtige Zielgruppe wĂ€hlen: Ich frage mich vor jeder Nachricht: wĂŒrde ich in einen echten Raum hineinrufen, wenn dort all diese Personen sĂ€Ăen? Wenn nicht, dann chatte ich besser einen ausgewĂ€hlten Personenkreis an.2
- Anfragen bĂŒndeln: Viele Antworten können bis zum nĂ€chsten Tag oder sogar zur nĂ€chsten Woche warten. In unserem Team arbeiten wir mit einer Inbox von Fragen und Informationen, die entweder alle im Team betreffen oder bei denen unklar ist, wer helfen kann. Dieses Postfach leeren wir jeden Morgen in einem gemeinsamen Meeting. Das hat die Nachrichten in gemeinsamen Channels erheblich reduziert.
2) Alles zu einem Postfach machen
Instant Messenger richtig zu nutzen ist eine Team-Leistung und du kannst dich nicht immer darauf verlassen, dass alle in deinem Umfeld sich an die oben genannten Spielregeln halten. Das gilt erst recht, wenn du auch mit Externen zusammenarbeitest.
Damit du trotzdem produktiv arbeiten kannst, musst du dich vor allem von der Pflicht befreien, Anfragen sofort zu beantworten â und zwar ĂŒber alle KanĂ€le hinweg. Du benötigst fĂŒr jedes Kommunikations-Tool ein Postfach, das du in deinem Tempo abarbeiten kannst.
E-Mail: Jeder E-Mail-Client bietet die Möglichkeit, E-Mails zu archivieren oder zu löschen. Du musst nur konsequent jede E-Mail, die du erledigt hast, aus dem Eingang entfernen.
Chat: Leider haben viele Chat-Plattformen keine sinnvolle Archiv-Funktion, auĂerdem jonglierst du sehr schnell mit einer ganzen Handvoll von Messengern. Die Lösung liegt in einem gemeinsamen Postfach fĂŒr alle Messenger inkl. Slack und MS Teams. Die App Beeper bietet genau das â ein echter Gamechanger!
Telefonie: Im einfachsten Fall nutzt du die âVerpasste Anrufeâ-Liste deines Telefons als Inbox, indem du jeden erledigten Anruf löschst. Das Problem ist allerdings, dass auch hinter stattgefundenen Anrufen weitere Arbeit liegen kann. Dieses Problem löst die App satellite, denn dort ist jeder Anruf ein To-do. Du kannst die Liste sogar gemeinsam mit anderen abarbeiten (Disclaimer: Ich bin der Produktmanager von satellite).
GesprĂ€che: 1:1-GesprĂ€che sind oft das sinnvollste Format, um etwas zu klĂ€ren, aber spontane Anrufe reiĂen dich aus der Arbeit. Mache es deinen Kollegen deswegen so einfach wie möglich, einen Termin zu buchen. Ich nutze einen Calendly-Link, den ich ĂŒberall kommuniziere.
AussagekrÀftigen Status setzen
Signalisiere mit deinem Status bei Slack und Teams, ob du gerade erreichbar bist oder nicht. Nicht alle Kollegen werden deinen Status bei Direknachrichten berĂŒcksichtigen, aber einige. Wenn du ein Tool wie Clockwise nutzt, werden die Termine und Fokuszeiten in deinem Kalender automatisch als Status angezeigt.
Slacken will gelernt sein
Die Gesamtzeit, die wir am Arbeitsplatz mit Kommunikation verbringen, hat sich durch den Siegeszug von Chat-Plattformen nicht verringert[^1]. Ob sie dein Team und dich produktiver machen, hÀngt vor allem davon ab, wie ihr sie benutzt.
Genauso wie man das Medium E-Mail falsch benutzen kann â nĂ€mlich fĂŒr Pingpong-Konversationen mit Dutzenden Mitschreibern â so kann man auch Slack, Teams und Jabber falsch anwenden. Der groĂe Trugschluss ist, dass man diese Werkzeuge intuitiv richtig bedient, nur weil sie so nett aussehen.
âWir verlangen zu viel von den heutigen Arbeitnehmernâ, sagt die Informatik-Professorin Raquel Benbunan-Fich. âSie sollen aufmerksam Unterhaltungen folgen und gleichzeitig produktiv sein.â
Es ist möglich, diese Balance zu halten, aber dafĂŒr braucht es Training und Regeln. Wer in deinem Team ist dafĂŒr verantwortlich, solche Regeln zu etablieren?
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Quelle: How Slack impacts workplace productivity (Rani Molla, 2019) ↩︎
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Diese Zielgerichtheit kommt nicht ohne Nachteile, denn sie verhindert SerendipitĂ€t, also dass deine Kollegen auf Dinge stoĂen, nach denen sie nicht gesucht haben, und dadurch auf unerwartete Ideen kommen. Channels fĂŒr solche Zufallsfunde (â#lesenswertâ, â#randomâ) haben ihre Berechtigung, sollten aber von der âPflichtlektĂŒreâ (den Team-Channels) getrennt sein. ↩︎
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