Ich erfülle die Definition eines Genre Hoppers.

Das habe ich gemerkt, als ich mit einem Freund neulich meine aktuelle Amazon-Video-Watchlist überflogen habe. Seine Reaktion: “Was ist das für ein WIRRER Filmgeschmack? Oder: Ist das überhaupt ein Filmgeschmack?”

Auf meiner Watchlist befinden sich Stimmfilmklassiker wie das “Phantom der Oper”, der neuste Star Wars, Werke des frühen Hitchcock, aktuelle Marvel-Filme, kitschige Disney-Klassiker, Actionfilme mit Arnold Schwarzenegger, Liebeskomödien mit Audrey Hepburn - und mehr.

Ein Exot bin ich dadurch natürlich nicht (nur das mit den Stummfilmen ist schräg, sagt meine Frau). Die wenigsten schauen ausschließlich Filme aus einem Jahrzehnt oder einem bestimmten Lieblingsgenre.

Bei Büchern hingegen ist das anders. Ich kenne Leute (= mein Vater), die schon seit Jahrzehnten ausschließlich Thriller und Krimis lesen, nie aber ein einzigen Fantasyroman. Oder einen “Frauenroman” (ich hasse dieses Wort). Viele Leser bleiben ihr Leben lang ein oder zwei Lieblings-Genres treu.

Darum mein heißer Tipp an die Genre-treuen unter euch: Schluss damit! Genre Hopping macht Spaß, auch und gerade bei Büchern. Oder um es mit den Worten einer Buchhandlung in Olympia, WA zu sagen:
 Hier also ein kostengünstiges Experiment, das ich empfehle:

  1. Man gehe in den Buchladen
  2. Hole den aktuellen Bestseller aus einem Regal, in dessen Nähe man am liebsten nicht gesehen werden möchte
  3. Kaufe und lese das Buch

Was dann passiert - wenn man sich wirklich auf die Geschichte einlässt - überrascht wahrscheinlich. Jedenfalls hat es mich vor Jahren überrascht.

Man ist gefesselt.

Gefesselt von Figuren, die so ganz anders sind als die Detektive, Zwerge oder “Bad Boys”, von denen man sonst liest. Huch, ein spannendes Buch! Weit, weit weg vom eigenen Lieblingsgenre! Wie kann das sein?

1) Genres sind nur die Hülle. Die Geschichte zählt.

Richtig gute Bücher haben immer den gleichen Kern: Spannende Figuren und eine Geschichte voller Schwierigkeiten. Fantasy-Epos und “Chick lit”-Büchlein funktionieren da genau gleich. Wirklich!Deswegen ist auch egal, “für wen” das Buch geschrieben wurde (oft denkt sich das ohnehin der Verlag aus, nicht der Autor). Geschichten sind Geschichten. Der Rest ist Beiwerk.

2) Genres sind Schubladen, die sowieso immer falsch sind

Genres wurden erfunden, damit man ein Buch in ein bestimmtes Regal stecken kann. Zum Beispiel im Buchladen. Das Problem ist, dass es heutzutage Genres wie “Thriller”, “Jugendbuch ab 13 Jahre” und “Historische Krimis” gibt. Und weil ein Buch immer nur in einem Regal stehen kann (zumindest im Laden), fehlt es automatisch in siebzehn anderen Regalen.

Die Thriller von Ursula Poznanski zum Beispiel dürften auch Freunden von “normalen Thrillern” gefallen, werden aber als Jugendbuch verkauft. Und die Harry-Potter-Romane stehen bei Amazon in der Kategorie “Action & Abenteuer für Jugendliche”. Ähem. Zum Glück sind die Harry-Potter-Romane so berühmt bei Erwachsenen, dass ihr offizielles Genre völlig schnuppe ist.

Da draußen gibt es aber viele, viele großartige Bücher, die (noch) nicht berühmt sind. Und egal in welche Schublade der Verleger oder der Buchhändler es steckt - es ist die falsche! Also: Einfach mal ein neues Regal ausprobieren.

3) Genres sind deinem Lieblingsautoren wahrscheinlich egal

Unter Autoren gilt es als Binsenweisheit, auf keinen Fall das Genre zu wechseln. Weil die Leser das angeblich doof fänden. Und überhaupt, das Marketing, der “Brand”, den man aufgebaut hat, alles würde explodieren …

Nun ist so so: Viele Schriftsteller machen es trotzdem. Sie wollen (und können) schreiben, was ihnen gerade passt. Und entweder sie machen es einfach (Suzan Collins hat vor den Hunger Games z.B. eine Kinderbuchreihe geschrieben) oder sie benutzen ein anderes Pseudonym für jedes Genre (Tipp: Das Pseudonym steht immer auf ihrer Wikipedia-Seite). Wenn ihr also auf die Charaktere und Geschichten eines bestimmten Autors abfahrt - folgt ihm weiter, auch wenn er zwischendurch vom Krimifach zum Kinderbuch wechselt!

Motiviert? Lust, in neue Welten zu springen, die sich wie ein Neuanfang anfühlt?

Okay, dann meine Warnung, nur um mich abzusichern: Neue Genres schützen nicht vor Enttäuschung. Als ich vor einiger Zeit zu aktuellen Jugendbüchern zurückgefunden habe, war ich schockiert von Bestsellern wie Bis(s) zur Morgenstunde oder Oblivion. Ich fand sie, nun ja, grottig. Das hat aber nichts mit dem Genre zu tun gehabt sondern mit meinen Erwartungen an eine gute Geschichte (und Dialoge).

Und natürlich gibt es Genres-Eigenheiten, an die man sich persönlich nie gewöhnen wird - Splatter-Szenen oder seitenlange Beschreibung von Wald und Bergen stoßen mich zum Beispiel einfach ab. Allerdings, das weiß man erst, wenn man es ausprobiert hat.

Also: Auf zu unbekannten Regalen, Geschichten und Welten!