Ein Buch zu schreiben, ist ein Kraftakt. Und über weite Strecken meistert man ihn: ganz allein. Ein persönlicher Einblick in meine Strategien gegen die Einsamkeit.

Es ist sechs Uhr. Von meinem Platz am Fenster aus sehe ich über unser kleine Seitenstraße hinüber zu den gegenüberliegenden Balkons. Die Nachbarin reißt wie jeden Morgen die Fenster auf und beginnt das Stoßlüften. Exakt eine halbe Stunde später tritt ein weiterer alter Bekannter auf den Plan. Der Unterhosen-Mann. Mit zerknittertem Gesicht stolpert er auf den Balkon, schaut auf die Straße und wird langsam wach. Dieses Ritual ist ihm superwichtig. Er hält sich bei jedem Wetter daran.

Um diese Zeit habe ich bereits zwei Stunden mit Schreiben verbracht. Das sind einsame, teilweise harte Stunden. Das mag schräg klingen, aber der Anblick dieser aus den Höhlen kriechenden Menschen macht sie mir leichter. Eine subtile Gesellschaft, die mich nicht ablenkt, aber so vertraut ist, dass ich mich nicht ganz allein fühle.

Und doch bin ich genau das, wenn ich schreibe: Allein.

Der Beruf der Einsamkeit

“Writing is a lonely job”, sagt Stephen King in seinem Buch On Writing. Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk behauptet: “Der Beruf des Schriftstellers ist der Beruf der Einsamkeit. Ich glaube, dass nur diejenigen gute Schriftsteller sein können, welche die Einsamkeit am meisten dulden können. Einsame Menschen können besonders gute Romane schreiben.”

Bämm!

Und ich setz noch einen drauf: Das ist der wahre Grund, warum so viele Leute einen Roman beginnen, aber nie fertigstellen. Es liegt nicht an fehlender Zeit oder Talent oder Motivation oder Disziplin. Sondern daran, dass man beim Schreiben so alleine ist.

Natürlich, es gibt noch andere Faktoren, die echt anstrengend sind. An Sätzen zum vierten Mal zu feilen. Szenen zu streichen, die man eigentlich geliebt hat. Aber wirklich anstrengend wird es dadurch, dass man es (in der frühen Phase) alleine tun muss.

Nur die, die durchhalten, schreiben das Buch zu Ende.

Aus der Apotheke des einsamen Künstlers

Sind alle Autoren Eremiten oder Misanthropen sind? Nö. Ein Einsiedler gäbe einen ziemlich schlechten Autoren ab, er hat nämlich keine Ahnung, wie er spritzige Dialoge und lebensechte Figuren aufs Papier bringen soll. Auch wenn viele erfolgreiche Schriftsteller eher introvertiert sind, bedeutet das überhaupt nicht, dass sie gerne alleine arbeiten. Sie haben bloß einen Weg gefunden, um mit der Einsamkeit klarzukommen.

Das wird oft missverstanden. Selbst unter meinen Bekannten, die wissen, dass ich schreibe, höre ich öfters die Bemerkung: “Du bist ja sowieso gerne alleine.” Soooooo falsch. Ich finde es ganz, ganz furchtbar! Am liebsten würde ich ein Buch vom ersten Buchstaben an in Teamarbeit erstellen, aber das macht aus verschiedensten Gründen keinen Sinn.

Das effektivste Gegenmittel gegen das Gefühl, allein zu sein, ist natürlich, von seiner eigenen Geschichte so gefesselt zu sein, dass man sich nach jeder Minute mit ihr sehnt. Und Charaktere, die einem förmlich entgegenspringen.
Aber es gibt noch weitere Tricks.

1) Nicht allein, aber ohne Ablenkung

Es ist kein Zufall, dass so viele Autoren ihre Bücher größtenteils in Cafés schreiben. Auch ich finde es wunderschön, in meiner Welt zu versinken, aber ab und zu für ein paar Sekunden aufzutauchen und in lächelnde Gesichter zu sehen. (Dafür braucht man das richtiges Café)
Auch das Schreiben zu Hause ist deswegen so angenehm. Ein separater Arbeitsplatz (besser noch: Ein eigenes Arbeitszimmer) inklusive fester “Schreibzeiten” ist ein Muss. Trotzdem habe ich das Gefühl, nicht allein zu sein und kann nach der gesetzten Zielzeit sofort auftauchen.

2) Menschen, die einem vertrauen.

Stephen King empfiehlt: “Having someone who believes in you makes a lot of difference. Just believing is usually enough.” Während ich schreibe, weiß ich, dass mein erster und wichtigster Leser (meine Frau) hinter der nächsten Wand ist, mir die Zeit lässt, zu schreiben und darauf vertraut, dass die Geschichte, an der ich schreibe, gut wird. Warum weiß ich nicht, aber so ist es.

Schnellstmöglich ausbrechen

Die allermeisten Bücher entstehen nicht in Teamarbeit, sondern weil ein einziger Mensch seine Finger und sein Gehirn zur Verfügung stellt. Zum Glück gibt es heute viele Möglichkeiten, sich mit anderen Autoren zu vernetzen. Das frühe Feedback von Testlesern hilft ebenfalls, sich wie in einem Gemeinschaftsprojekt zu fühlen.

Doch eines bleibt: Die ersten Etappen eines Buches muss man alleine bewältigen. Deswegen sind und bleiben sie so schwer.