Marcel Mellor

SF-Autor und Digitalstratege


Haben wir das Telefonieren verlernt?

Eine Welle von Outings rollt durch meine Filterblase. In Videos und Kommentaren gestehen Menschen, dass sie große Angst vor einer Alltäglichkeit haben: dem Telefonieren. Mal mit einem Augenzwinkern, aber oft mit großem Ernst. Denn auch im Jahr 2002 haben Menschen, die kein Telefon benutzen können, ein Problem.

Viele werden jetzt sagen, dass mit diesem Phänomen zu rechnen war. Eine ganze Generation ist ohne Festnetz im Flur oder klassisches Handy sozialisiert worden, sie hat von Anfang an Smartphone und Messenger benutzt. Diese Veränderung wird, wie so oft, besonders in der Rückschau deutlich. Wir haben neulich ein paar alte Folgen Gilmore Girls geschaut und es war auffallend, wie oft das Telefon klingelte.

Würde Rory heute mit ihren Freunden texten, statt sie anzurufen? Vielleicht. Die Frage ist, ob diese Entwicklung ein Problem ist. Denn auch wenn das auf den ersten Blick anders scheint: weder texten noch telefonieren sind „natürliche“ Kommunikationsformen.

  1. Das Lesen und Schreiben ist zwar Jahrtausende alt, aber es ist ein jahrtausendealter Hack. Wir missbrauchen Hände, Augen und Areale unseres Gehirns, für das sie immer noch nicht optimiert sind.
  2. Telefonieren nutzt mit dem Sprechen zwar eine natürliche Kommunikationsform (das heißt eine, die wir nicht erfunden haben), aber komprimiert diese auf niedrigste Qualität. Es fehlen Augenkontakt, Gesten und alle anderen nonverbalen Bestandteile – bei gleichem Tempo.

Bevor also jemand wettert, dass „die Jugend nicht mehr telefoniert”: das stimmt erstens nicht und zweitens ist das Telefonieren keine “edlere” Form der Kommunikation als ein Chat.

Und damit ist es Zeit für mein Outing: obwohl ich bei einem Telefonie-Unternehmen meinen Lebensunterhalt verdiene und obwohl ich sogar eine Telefonie-App erfunden habe, greife ich nur ungern zum Hörer.

Das hat allerdings nur bedingt etwas mit dem Medium selbst zu tun. Heute telefoniert man ja meistens mit unbekannten Menschen, häufig zu eher unspaßigen Themen (Support-Hotline, Arztpraxen, Gesundheitsamt). Ein introvertierter Mensch wie ich, der vor dem Betreten eines Geschäfts muss beim Telefonieren nicht nur seine Alltagsängste überwinden -- sondern auch die erwähnten Nachteile des Telefons meistern. Ganz klar, ich werde immer Lieferando nutzen, statt bei der Pizzeria anzurufen.

Und trotzdem telefoniere ich zu vielen Gelegenheiten sehr gerne! Bei verabredeten Calls mit Kunden. Bei schnellen Absprachen mit Kollegen. Am Wochenende mit einem guten Freund.

“Telefonieren”, das ist ein großes Feld. Mit vielen Nachbarfeldern: Sprachnachrichten, Gruppenanrufe, Clubhouse-Sessions. Gerade der scheinbare Nachteil des Telefonieren – nämlich, dass es nur aus Audio besteht – wird in Zeiten stundenlanger Videomeetings für viele zum großen Vorteil.

Wann immer wir einen neuen Kommunikationskanal erfinden, führt das nicht dazu, dass wir die alten Kanäle wegschmeißen – sondern, dass wir sie dort einsetzen, wo sie wirklich gut funktionieren.

Rory würde auch heute noch mit ihren Freunden telefonieren.

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