Marcel Mellor

SF-Autor und Digitalstratege


Vom Tonfilm zum Metaverse

Wird das Internet bald zu einem persistenten Ort, den wir betreten können? Oder bleibt das Metaverse auch diesmal zwischen Marketing-Bingo und Science-Fiction-Wunschtraum stecken? Ich wage eine Prognose und schaue dafür mit euch auf eine der erstaunlichsten Medienrevolutionen aller Zeiten: der Einführung des Tonfilms.

Als 1927 die Tonfilm-Revolution begann, konnten nur zehn Kinos auf der ganzen Welt Tonfilme zeigen. Niemand konnte sich vorstellen, dass es jemals mehr sein würden. Der Tonfilm hatte Jahr zuvor seine Chance gehabt und niemand wollte ihn haben.

Doch dann, in nur drei Jahren machte sich der Tonfilm, alternativlos. Er zerstörte Hunderttausende von Jobs, beendete Karrieren und stellte die Filmschaffenden vor unüberwindbare Hindernisse.

Warum? Warum 1927, nicht früher oder später? Die Antworten darauf sind keineswegs offensichtlich. Sie könnten uns dabei helfen, die nächste Medienrevolution zu erahnen.

Das Märchen vom technischen Durchbruch

“Stummfilm”, dieses Wort ist natürlich Quatsch. Filme waren niemals stumm. Sie brauchten Ton – und sei es nur, um die klappernden Filmprojektoren zu und das Tuscheln im Publikum zu übertönen.

Dieser Ton war Musik und die Musik wurde live gespielt. In den meisten Kinos von einem verstimmten Klavier (an diesem Klischee ist durchaus was dran), aber in den großen Filmpalästen von ausgewachsenen Sinfonieorchestern.

Das funktionierte für alle Beteiligten sehr gut (vor allem für die Herscharen von Musikern). Aber natürlich kamen Leute auf den Gedanken, dass die Bilder doch auch sprechen könnten -- nicht nur laufen. Die Idee eines solchen Tonfilms ist ziemlich genau so alt wie der Film selbst.

Jules Greenbaum, ein Berliner, der eigentlich Julius Grünbaum hieß, erfand schon 1908 ein "Synchroskop". Das Gerät konnte, ganz wie der Name vermuten ließ, Bild und Ton synchron präsentieren. Der berühmte Filmproduzent Carl Lämmle bestellte sich ein Exemplar nach Amerika, aber das ist das einzig nennenswerte in dieser Geschichte . Berühmter ist da das Kinetophone. Berühmt vor allem, weil es eines der wenigen Erfindungen von Thomas Edison war, die zum Flop wurden. Gleich zweimal sogar.

Die erste Version des Kinetophones war ein Guckkasten mit Kopfhörern. Die zweite Fassung – achtzehn Jahre später – ein Filmprojektor mit Schallplatten. Nach zwei Jahren zog Edison das Gerät aus dem Verkehr und beschäftigte sich nie wieder mit dem Tonfilm.

Warum war das Kinotophon ein Misserfolg? Der naheliegendste Grund ist, dass es so schlecht funktionierte. Wenn die Schallplatter nur ein weniger schneller oder langsam lief oder einen Aussetzer hatte, dann konnte von synchronem Ton nicht mehr die Rede sein.

Allerdings hatte der Tonfilm mit exakt dieser Technologie und exakt diesen Problemen seinen Durchbruch. Das Gerät hieß jetzt Vitaphone, aber es basierte ebenfalls auf "Sound on Disc”. Und es war extrem fehleranfällig. Eine Filmvorführung ohne Pannen war kaum möglich.

Wenig später setzt sich deswegen eine neue Technologie durch, "Sound on Film". Mit diesem Lichtton laufen Filme noch heute. Bilder und Tonspur befinden sich auf der gleichen Filmrolle – Synchronität garantiert. Aber auch wenn der Lichtton immer wieder als Erklärung für den Tonfilmdurchbruch herhält – es war genau andersherum. Diese wichtige Innovation folgte dem großen Hype, nicht andersherum.

Womit wir wieder beim Anfang wären. Warum kam 1927 der Tonfilm? Warum nicht früher?

Der erste Grund ist naheliegend: niemand wollte den Tonfilm.

"Das Publikum wird diese Erfindung niemals akzeptieren"

1927 konnten sich nur wenige Menschen vorstellen, dass der Stummfilm eine Weiterentwicklung benötigte. Die Zuschauer nicht und die Produzenten schon mal gar nicht. Was daran lag, dass die Sache einfach funktionierte. Blockbuster, Megakinos, absurd gut bezahlte Filmstars -- Hollywood war sozusagen fertig. Ganz ohne Ton. Selbst George Eastman, technischer Vordenker der Branche, sagte : "Ich würde keinen Cent in diese Erfindung investieren. Das Publikum wird sie niemals akzeptieren."

Das Filmbusiness sah keinen Bedarf an einer Weiterentwicklung seines geliebten Stummfilms. Die Menschen vor und hinter der Kamera hatten im Gegenteil Angst vor allem, was ihr bestehendes System bedrohte. Schließlich lief es wie am Schnürchen.

Selbst als The Jazz Singer das Publikum begeistert hatte, ignorierten viele die kleine Sprachsequenz in dem Film und führten den Erfolg auf die Musik zurück. Und schließlich, als diese Haltung nicht zu vertreten war, retteten sie sich in die Vorstellung, dass Stumm- und Tonfilm nebeneinander bestehen würden, in einer Art friedlicher Koexistenz.

Im Nachhinein amüsiert uns die Verbohrtheit der Filmschaffenden, aber ihre Argumentation war vollkommen schlüssig. Das Publikum verlangte nicht nach Tonfilmen und es gab auch keinen nennenswerten technischen Durchbruch in dieser Richtung.

Und doch rollte 1927 die Tonfilmrevolution heran, mit den gleichen Technologien und der gleichen Art von Tonfilmen, die fünf Jahre vorher gefloppt waren.

Warum nur? Die Ursachen dafür lagen ganz offensichtlich nicht in Hollywood.

Die Suche nach dem nächsten Durchbruch

Stummfilme im Jahr 1927 waren tatsächlich perfekt. Visuell beeindruckend, dicht erzählt, thematisch komplex - echte Meisterwerke.

Und genau das war das Problem. Die Zuschauer hatten sich daran gewöhnt, alle fünf Jahre einen weiteren Durchbruch präsentiertert zu bekommen – ungefähr wie wir in den 90ern, als wir bei jedem Blockbuster einen neuen Durchbrüche bei den Spezialeffekten erwarteten. In beiden Fällen war Perfektion gleichbedeutend mit Stillstand. Alles wartete auf "The Next Big Thing" Dass diese nächste große Sache der Tonfilm sein würde war keineswegs selbstverständlich.

Verantwortlich für den Überraschungssieg war wahrscheinlich ein anderes Medium: das Radio.

Hundert Jahre nach dem Siegeszug des Radios können wir uns nur schwer vorstellen, mit welcher Begeisterung es aufgenommen wurde. Das Radio war das offenste Medium, das es je gegeben hatte, eine wahrgewordene Eleketro-Utopie, die der Menschhheit zweifellos nur Gutes bringen würde (das würden Diktatoren bald widerlegen). Radiogeräte schufen eine ganze Generation von Nerd, aber vor allem zeigten sie, was man mit Ton alles anstellen konnte. Ein Hörspiel ohne Bilder war ja schon mindestens genauso unterhaltsam wie ein Film ohne Ton – aber was, wenn man beides zusammenführte ... ?!

Dass 1927 der Tonfilm kam, lag nicht daran, dass ihn jemand plötzlich erfunden hatte. Es gab

  1. eine neuen Bedarf: Stummfilme waren in einer perfekten Einbahnstraße gelandet
  2. ein neues Interesse: das Radio hatte einen neuen Appetit für Sound geschaffen

Dies führte dazu, dass die Stunde des Tonfilms gekommen war. Und wenige Jahre später konnte sich niemand mehr vorstellen, das man sich einmal freiwillig Stummfilme angesehen hatte.

Hätte man diese Entwicklung kommen sehen können?

Ob eine Technologie erfolgreich ist, hängt nicht davon ab, wie ausgereift sie ist

Natürlich gab es in den zwanziger Jahren einige Tüftler und Techniker, die dem Tonfilm den baldigen Durchbruch vorhersagten. Solche Technikpropheten gibt es immer. Mal haben sie recht, mal nicht.

Die Mehrheit aber argumentierte aus der Vergangenheit heraus: die Technik des Tonfilms hatte ihre Chance gehabt, der Markt hatte sie abgelehnt und damit war ihr höchstens ein Platz im Museum sicher.

Aber diese Schlussfolgerung – dass Technologien nur eine einmalige Chance haben – ist regelmäßig falsch. Technologien setzen sich durch, wen sie in ihre Zeit passen. Was noch vor fünf Jahren wie eine Schnapsidee wirkte, kann heute die Lösung für ein drängendes Problem sein – ohne dass die Technologie sich nennenswert geändert hat. Dafür gibt es viele Beispiele, das Tonfilm ist nur eines davon.

Die Filmindustrie hat aus dem Tonfilmchaos die Lehre gezogen, dass sie nie wieder zu spät zu Party kommen dürfte. Zwar kam keine der Innovationen der nächsten Jahrzehnte (von Widescreen bis Technicolor) aus der Filmindustrie selbst, aber sie führte sie jeweils im Rekordtempo ein. Im vorauseilenden Gehorsam. Das hat zu “Scheinrevolutionen” wie der 3D-Welle in den 2010er Jahren geführt. Genau wie beim Tonfilm hätte man sich auf den Standpunkt stellen können, dass niemand nach 3D-Filmen gefragt hat und dass der 2D-Film weiterhin Standard bleiben wird. Im Gegensatz zum Tonfilm hätte man diesmal recht gehabt ...

Ist also nichts sicher? Gibt es keinen Trick, mit dem wir vorhersagen könnten, ob web3 und Metaverse die nächste Tonfilmrevolution sind – oder nur ein Marketing-Luftschluss?

Natürlich gibt es keinen Trick. Aber eine Sache steht fest: der Erfolg eines Mediums hat nur wenig damit zu tun, wie technisch ausgereift es ist. Medien sind, mehr noch als andere Innovation, eine Antwort auf die aktuelle Realität. Auch wenn die Zusammenhänge manchmal erst im Nachhinein klar sind.

Die Schrift z.B. wurde erst erfunden, weil Buchhalter sie benötigten, ebenso der Buchdruck. Nicht weil jemand nach Jahrhunderten endlich auf die Idee kam, wie man Buchstaben zu Papier bringt.

Wir erklären den Erfolg oder Misserfolg einer Technologie oft damit, wie gut sie funktioniert. Aber Technologien setzen sich durch, wen sie in ihre Zeit passen. Von Schrift bis Dampfmaschine, vom Tonfilm bis zum Internet: immer kam zuerst die Nachfrage (wir würden heute „Hype“ sagen), dann wurde die wackelige Technik erwachsen. Nicht andersherum.

Ich glaube deswegen: Virtual Reality und das Metaverse werden irgendwann einen Tonfilm-Moment habe und schlagartig zum Massenphänomen werden – ganz unabhängig davon, wie ausgereift die Technik in diesem Moment ist. Drei mögliche Gründe als Gedankenspiel:

  • es wird noch wichtiger, dass wir live zusammenarbeiten, obwohl wir nicht im selben Raum sind.
  • die Forschung findet heraus, dass stundenlange Zoom-Calls in 2D wirklich gesundheitsschädlich sind
  • es gibt Gründe dafür, der echten Realität zu entfliehen (kein sehr wünschenswerter Grund natürlich)

Ob das Metaverse sich durchsetzt, überhaupt: was das Medium der Zukunft ist, das liegt nicht am Medium, sondern an uns.

Und wenn wir das Metaverse nicht wollen, dann wird es auch nicht kommen.

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