Der Kindle Storyteller Award wurde vergeben - herzlichen Glückwunsch an die Gewinnerin Halo Summer und ihren Roman Aschenkindel. Das Buch wurde schnell nach Bekanntgabe der Shortlist als Favorit gehandelt, selbst unter den prämierten Autoren. Wie jedes Jahr meldeten sich aber auch kritische Stimmen. Selfpublisher haben etwas veröffentlicht, das nach geltenden Regeln gut ist? Ziemlich unglaubwürdig. Das Literaturcafe behauptete gar, unter den Finalisten wäre „nichts dabei, was auch nur ansatzweise einen Preis verdient hat.“

Wie sehe ich das? Ich bin hin und hergerissen.

Zunächst einmal: Die wirklich erfolgreichen Selfpublisher-Titel (und nur solche kamen in die Shortlist des Kindle Awards) werden in den meisten Fällen mit professioneller Unterstützung veröffentlicht. Schlecht formatierte E-Books, billige Buchcover - so etwas sieht man bei den „Superstars“ von KDP selten.

Und lektoriert werden die Bücher auch.

So bitter die Schuld von Melissa Schwermer zum Beispiel wurde in dem ehrwürdigen Büro der Textehexe veredelt - viele Autoren kennen Susanne Pavlovic für ihre großartigen Videos und Guides zum Thema Schreibhandwerk. Trotzdem stolperte Malte Bremer vom Literaturcafe bereits am Anfang über so viele Mängel, von Wortfehlern wie der „pikenden Bettdecke“ bis zu eher ungelenken Metaphern, dass er am liebsten den „Preis für den miesesten Anfang“ vergeben hätte.

Aha. Was heißt das nun? Heißt es, dass diese Bücher, obwohl sehr erfolgreich und nun auch von einer Jury für gut befunden, offiziell schlecht sind? Dass selbst fähige Lektoren solche Texte nicht mehr retten können, vielleicht gar nicht wollen? Dass wir wirklich, wie Bremer behauptet, „verblöden“?

An dieser Stelle wird es Zeit für ein Geständnis: Ich kann solche harschen Kritiken, wenn sie auch unnötig polemisch sind, teilweise nachvollziehen. Auch ich bekomme bei sprudelnden Adverben ein nervöses Zucken; wenn dann noch das Wort „sagte“ ständig durch ein wackeliges Synonym ersetzt wird, bin ich raus. Da gibt es Sätze wie diesen im Gewinnerroman Aschenkindel: „Du bist schon ein komisches Mündel“, kann sie sich nicht verkneifen zu sagen.
Hrrrgs.

Der Grund dafür, dass mir so etwas die Freude raubt, ist nicht, dass ich ein verkappter Lektor bin. Oder glaube, das ich dass alles viel besser kann. Im Gegenteil, ich will doch gar nicht auf die Schreibe achten. Ich möchte noch nicht einmal daran denken, dass ich gerade lese. Vielmehr will ich in der Geschichte versinken, will sie erleben - und der Autor soll seine Fäden bitteschön unsichtbar halten. In dem Moment, wo er sich in Form von Fehlern und - aus meiner Sicht - ungelenken Formulierungen ins Scheinwerferlicht rückt, geht das Erlebnis kaputt.

Und jetzt kommt die für einige wahrscheinlich überraschende Wahrheit: Das ist nicht bei jedem so.

Ja, es gibt es da noch etwas anderes als handwerkliche Regeln, die sich, zweifellos zu Recht, über Jahrzehnte gebildet haben und deren Bruch man einer Geschichte anmerkt. Aber erstens sind solche Standards vielleicht in fünfzig Jahren vergessen. Im viktorianischen Zeitalter war es auch megacool, zwischendurch eine dreiseitige Beschreibung des Gesichts einer Nebenfigur einzuschieben. Und wir lesen Dickens, obwohl wir das nicht mehr so ganz megacool finden.

Noch viel wichtiger ist aber, dass es bei Geschichten um etwas anderes geht. Man lese dazu die Amazon-Rezensionen zu einem der Finalisten:

„Die Autorin hat soviel Gefühl in jede Zeile gelegt, das man es wirklich spüren kann.“

„[Ich habe] den ganzen Abend und die ganze Nacht durchgelesen […], obwohl ich morgens um sieben wieder zur Arbeit gehen musste. Ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass irgendwelche Worte dieser Geschichte gerecht werden könnten. Es ist nämlich einer dieser Bücher, die man fühlen muss.“

Diese Geschichten bewirken etwas in ihren Lesern, in ihren Fans, und das ist es, warum Geschichten geschrieben werden: Sie sind voller Gefühl, mit einer ehrlichen Sprache, die man teilweise an anderer Stelle nicht bekommt, obwohl sie den „Lesern direkt von den Lippen fließt“ (Laudatio für Aschenkindel).

Muss man die Bestseller der Kindle Charts deswegen gut finden? Natürlich nicht. Seit wann muss man überhaupt irgendwelche Bücher gut finden?! Sie allerdings zu verdammen, weil sie ein paar gelernte Standards ignorieren, ist gelinde gesagt ignorant. Und es anderen zu missgönnen, an einem Buch Freude zu haben, das ist … noch mal eine ganze andere Liga.

Ich wünsche jedem viel Spaß bei seinem nächsten Buch. Egal was es ist.