Die Vorstellung macht vielen Angst: Der Mensch der Zukunft ist ein Cyborg, der seinem Gehirn übermenschliche Upgrades spendiert. In Wahrheit hat der Weg zum Zweitgehirn längst begonnen. Und das ist gut so.

Nicht jeder ist sich sicher, dass Elon Musk wirklich ein Mensch ist, nicht vielleicht doch eine Maschine. Da ist es umso interessanter, wenn Musk behauptet:

Stimmt das? Und wäre das ... cool?

Die meisten sind sich sicher: Nein, nicht cool. Wir wollen keine Cyborgs sein. Technologie darf natürlich an unserem Körper hängen, sie darf Krankheiten abschwächen, Gliedmaße ersetzen und sie per Gedankenübertragung steuern.

Wenn es in den Zukunftsvisionen aber ans Eingemachte geht, sprich ans Gehirn, dann werden wir nervös. Allein der Gedanke: Das Gehirn erweitern! Zwei Drittel der Amerikaner sagen, ihnen kommen keine Microchips in den Kopf.

Aber hat Elon Musk recht und wir haben das Gehirn längst erweitert? Sind wir schon Cyborgs?

Der getunte Mensch

Der Mensch hat mit seinen Werkzeugen den Planten auf links gedreht. Wissenschaftler begreifen nun aber, dass die Werkzeuge auch uns geändert haben. Grundlegend.

Da ist zum Beispiel die Erfindung der Schrift. Schriftzeichen sind alt, aber nicht so alt, dass unser Gehirn dafür gemacht wäre. Bei jedem Mensch, der lesen lernt, organisiert sich das Gehirn neu, es zweckentfremdet uralte Areale und macht sie zu Lese- und Schreibzentren. Menschen, die lesen können, verstehen Sprache anders und haben andere Gedankengänge als Analphabeten.

Zweites Beispiel: Kaffee. Über Jahrhunderte lebten Menschen in einem leichten Dauerrausch (Biersuppe war das Frühstücksmüsli des Mittelalters), bis der Kaffee uns zu wachen, fokussierten Hochleistungsrechnern machte. Wer weiß, ob wir die Aufklärung ohne Koffein geschafft hätten.

Nun machen Kaffee und Buchstaben niemandem Angst. Wir schrauben seit Jahrtausenden an uns herum - durch Werkzeuge, Operationen, Therapieren und Medikamente - und werden das auch weiter tun.

Doch was, wenn unser neustes Werkzeug anders funktioniert? Wenn wir diesmal wirklich eine Schnittstelle zum Gehirn gebaut haben, ohne dass es einer bemerkt hat?

Das Zweithirn ist schon da

Die Zukunftsvision eines künstlich erweiterten Gehirns geht ungefähr so: Hirn benötigt neues Wissen → Hirn ruft Wissen automatisch via Schnittstelle ab → Wissen liegt im Speicher. Für den Hirninhaber fühlt sich das so an, als erinnere er sich an die Information. Er merkt gar nicht, dass sie aus der Cloud kommt.

Klingt gruselig? Wie genau ist es denn heute?

Gilt als Cyborg, ist aber ein Android: Der Terminator

Neulich habe ich mit einem Bekannten darüber gesprochen, was man vor zwanzig Jahren gemacht hat, wenn man auf den Namen eines Schauspielers nicht kam. Es war ein Sackgasse. Der Name lag der ganzen Familie auf der Zunge und versaute den ganzen Abend.

Heute ist jedes Wissen abrufbar, immer, sofort. Und unser Gehirn ignoriert diese Tatsache nicht. Sobald klar ist, dass wir eine Information jederzeit neu ergoogeln können, tritt der sogenannte “Google Effekt” ein: Wir speichern das Wissen gar nicht erst ab. Doch die Studie hinter dem Google-Effekt fand noch etwas anderes heraus. Wir können nicht unterscheiden, ob wir etwas gewusst oder gegoogelt haben. Das schien den Wissenschaftlern zunächst zu abgefahren und sie wiederholten das Experiment. Es blieb dabei - die Probanden fühlten sich schlauer, wenn sie Fragen mithilfe das Internets beantworteten. Das ist auf den ersten Blick widersinnig. Aber die Grenzen verschwimmen; das Internet wird buchstäblich zu unserer externen Festplatte.

Man kann diese Effekte beängstigend finden - oder man sieht die Vorteile.

Cyborg, aber richtig

Wenn es je die Notwendigkeit gab, das Gehirn zu entlasten, dann heute. Es hat mehr zu tun als je zuvor und wahrscheinlich auch mehr, als es verträgt. Dass also das Internet immer mehr zu einer Gehirnschnittstelle wird, ist erst einmal begrüßenswert - wir müssen nur die richtigen Sachen auslagern. Dazu gehören Teile unserer Festplatte (Wissen), unseres Arbeitsspeichers (Aufgaben) und unserer täglichen Algorithmen (Entscheidungen). Wie das geht, habe ich hier aufgeschrieben.

Noch einmal, es geht nicht darum, dümmer zu werden, sondern dem Gehirn die alte Aufgabe zurückzugeben: Denken. Organisieren und speichern können Maschinen, doch in unserem Kopf sitzt ein Chefstratege.

Und nun die schlechte Nachricht: Die Werkzeuge, die uns helfen könnten, unseren Kopf zu entlasten, verschlimmern die Situation in Wirklichkeit. Mehr als achtzig Mal pro Tag holen wir unsere Smartphones heraus und meistens geben wir mehr als wir zurückbekommen. Mehrere Studien bewiesen, dass allein die “Anwesenheit” eines Smartphones unsere Denkfähigkeit vermindert.

Das ist nicht die Definition eines Werkzeugs. Es ist sogar schlimmer als die Vision ein Cyborgs - ein Mensch, der zum Haustier seiner technologischen Erweiterungen wird.

Ein überzogenes Bild? Wahrscheinlich. Aber wenn du das nächste Mal zum Smartphone greifst, frag dich doch, wer gerade der Gewinner ist. Der Chefstratege? Oder die Werkzeuge, die uns eigentlich entlasten sollten?

Vielleicht hat Elon Musk recht. Vielleicht sind wir Cyborgs. Aber wir sind trotzdem, verdammt noch mal, der Chef im Laden.

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