In diesem Krimi stimmt so ziemlich alles: Kantige Figuren, ein Serienmörder ohne Klischees und tolle Schauplätze. Wer jetzt noch die Struktur des Buchmarktes kennt, begreift: “Ersticktes Matt” von Nina C. Hasse ist ein besonderes Buch.

“Wir schreiben das Jahr 1893. Doch die Welt ist nicht jene, die Sie aus den Geschichtsbüchern, Zeitdokumenten und Überlieferungen kennen.” Schon das Vorwort von “Ersticktes Matt” macht deutlich, dass dieser Krimi etwas anders funktioniert als gewohnt. Es ist ein “Steampunk-Krimi”.

Moment, Steampunk? Ist das nicht diese retrofuturistische Subkultur, deren Fans auf bizarre Kostüme mit Uhrwerken stehen?

Keine Panik. Ja, das Buch spielt tatsächlich in einem alternativen New York. Und zwischendurch dampfen dem Leser Jules-Verne-Anleihen und typische Steampunk-Ideen um die Ohren. Aber diese Details sind nicht die Hauptzutat der Geschichte - sie würzen sie nur. Nina C. Hasse hätte die Floodlands wahrscheinlich auch auf ein gewöhnliches, viktorianisches Setting reduzieren können. Wäre aber schade gewesen. Ihre blühende Fantasie ist nämlich ein echter Lesespaß-Garant.

Ersticktes Matt von Nina C. Hasse

Da ist zum Beispiel die “Analytische Maschine” - eine pfiffige Anspielung auf Charles Babbages Entwurf eines “mechanischen Computers”, der in unserer Welt niemals verwirklicht wurde. In der Welt der Floodlands kann das Ding sogar Kaffee kochen. Es gibt kilometerlange Rohrpost, mechanische Fernschreiber und ein ganz besonders Gefährt, das den britischen Teil der Ermittler zum Ort des Geschehens bringt (für mich als Jules-Verne-Fan ein Highlight). Und weil wir trotz allem im 19. Jahrhundert sind, haken sich die Frauen brav bei den Männern unter und bei Schwächeanfällen gibt es Riechsalz. So schön!

Mindestens so ungewöhnlich und frisch wie das Setting sind die Figuren. Wann hatte man es schließlich schon mal mit einem “Gesichtsanalytiker” als Polizeiberater zu tun? Oder zwei Zimmernachbarn, die in Wirklichkeit … na, das verrate ich nicht. Keine der Hauptfiguren verwerten Klischees, die man schon woanders gelesen hat. Immer wenn ich zu wissen glaubte, wer jetzt gleich was macht oder dass X garantiert etwas mit Y anfängt - immer dann habe ich mein blaues Wunder erlebt. In diesem Buch ist so ziemlich nichts wie erwartet.

Fast perfekt

Nina C. Hasse versteht ihr Handwerk. Die Cliffhanger sitzen, es bleibt konstant spannend. Zum perfekten Krimi fehlt es dem Erstlingswerk allenfalls in den Nuancen. Die teils episodenartige Handlung hätte sich noch etwas mehr zuspitzen, das Finale ein klein wenig dramatischer sein können. Weiterer Wermutstropfen: Mir war der Mörder schon relativ früh klar, so gut er sich auch versteckte. Dass mir das Buch trotzdem Spaß gemacht hat, beweist, dass “Ersticktes Matt” eben kein reiner “Whodunit”-Krimi ist.

Fazit: Ein tolles Debüt, das ich auf jeden Fall empfehlen kann. Schön, dass es wohl bald eine Fortsetzung geben wird.

“Ersticktes Matt” von Nina C. Hasse - 3,99 € (Kindle Edition)

Nachwort

Ich erwähnte ja ganz oben den Buchmarkt und muss jetzt noch etwas persönliches loswerden. Als ich “Ersticktes Matt” zuklappte, fiel mir ein Stein vom Herzen. Der Grund: Hinter der Veröffentlichung steckt kein Verlag, Nina C. Hasse ist Selfpublisher. Und man merkt es dem Buch nicht an. Cover, Plot, Figuren, Sprache - alles ist so professionell, wie man es von klassisch verlegten Büchern gewöhnt ist. Dies ist kein hastig hingeschriebenes Büchlein, das möglichst alle Erwartungen an ein Genre abdeckt. Sondern einfach ein guter Krimi.

Es gibt sie also, die Perlen des deutschen Selfpublishing. Autoren, die wirklich alles geben, um auch ohne Verlag etwas großartiges herauszubringen. Noch gibt es wohl nicht sehr viele von ihnen - Nina C. Hasse ist jedenfalls die erste, die ich entdeckt habe. Aber ganz sicher nicht die letzte.