“Das Licht der letzten Tage” ist eines dieser Bücher, die man ohne jede Erwartung lesen sollte - andernfalls wird man enttäuscht sein. Wer sich aber einfach auf die stille, unkonventionelle Geschichte einlässt, dem geht es am Ende wahrscheinlich wie mir: Er hat ein neues Lieblingsbuch.

Auf den ersten Blick liest sich der Plot von Emily St. John Mandel’s Buch wie eine typische Postapokalypse. Eine Pandemie rafft einen Großteil der Menschen dahin und bringt unsere Zivilisation innerhalb von Tagen zum Stillstand. Nichts geht mehr, wenn 99% der Weltbevölkerung fehlen - kein Verkehr mehr, kein Strom, kein Internet. Dazu braucht es noch nicht mal Zombies.

Welt: Ende.

Weltende

Mich hat allein schon diese Grundidee geradezu ins Buch hineingesaugt (das lag wohl auch daran, dass ich während der Lektüre mit einer dicken Erkältung im Bett lag und mich mit jeder Figure, die an der Grippe verendete, noch ein Stückchen kränker fühlte). Das Licht der letzten Tage zeigt, wie zerbrechlich unsere Welt ist und was bleibt, wenn man sie ihrer Grundlage - der Bevölkerung - beraubt. Mandel sagt später, dass sie den Wunsch hatte, “über die moderne Welt zu schreiben, indem sie über ihre komplette Abwesenheit nachdachte” (Mehr dazu in dieser lesenswerten Fragestunde auf reddit).

Aber das Buch ist viel, viel mehr geworden.

Die Menschen haben sich mit dem Weltende arrangiert, aber nicht abgefunden

Was das Buch zunächst einmal von anderen Postapokalypsen abhebt, ist die zeitliche Einordnung. Das Licht der letzten Tage spielt nicht in dem mörderischen Chaos, das der Pandemie folgt, sondern zwanzig Jahre danach. Geblieben sind die Überlebenskünstler, Robinson Crusoes in einer Welt, die ohne jede Ankündigung gestrandet ist und die Gesellschaft zu einer losen Sammlung aus Pionieren und Plünderern gemacht hat.

Die Menschen haben sich, jeder auf seine Art, mit der neuen Situation arrangiert. Abgefunden hat sich niemand damit. Am ärmsten dran sind die, die genau wissen, was die Menschheit und sie selbst für immer verloren haben.

Diese Welt nach der Grippe ist zwar gefährlich, aber letztendlich ist sie in diesem Buch nur ein Setting. Und zwar nur eines von mehreren. Hauptsächlich geht es um das Leben einer Handvoll von Menschen, deren Geschichten am Ende sehr spannend, aber plausibel miteinander verwoben sind. Mandel zieht alle handwerklichen Register, vollführt Zeitsprünge und Rückblenden, wechselt munter die Erzählform, aber rückt sich dabei nie in den Vordergrund. Alles an diesem Buch ist an seinem Platz, fühlt sich natürlich an. Die Erzählung ist spannend, poetisch, kurzweilig, nie politisch oder moralisch. Und hinter allem steckt die Frage: Wenn unser Leben jetzt, in dieser Minute beendet wird - symbolisch oder tatsächlich - wären wir mit der Bilanz zufrieden? Im Laufe der Seiten werden wir mit Dutzenden von Schicksalen konfrontiert. Immer wieder hat es mir die Kehle zugeschnürt.

Doch das Buch ist keine Dystopie. Da ist immer wieder Hoffnung. Licht.

Selten war ich bei einem Buch so traurig darüber, dass es schließlich vorbei war. Nicht nur, weil ich unbedingt wissen wollte, wie es mit dieser Welt und den Figuren weitergeht, sondern weil ich mich so wohlgefühlt habe in Mandels Schreibstil und den Fragen, die sie mir stellt. Einfach ein echter Volltreffer.

Das Buch klingt noch lange nach. Leseempfehlung!

“Das Licht der letzten Tage” von Emily St. John Mandel - 12,99 € (Kindle Edition)